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  • Wichtige Interviews

in verschiedene Zeitungen und Zeitschriften sind Interviews erschienen, auf die ich besonders hinweisen möchte.

  • Verlassene Heteros. Colin Sherman sprach mit Amity P. Baxton, der Gründerin der amerikanischen Gruppe Straight Spouse Network. Sie hat langjährige Erfahrung mit unserem Thema. Die Zeitschrift ERATO hat ein Interview mit ihr ins Deutsche übersetzt.

C.M-S: Würden Sie mir bitte sagen, warum sie als weder bi- noch homosexuelle Frau an dieser Konferenz teilnehmen?
A.P.B.: Mein Anliegen ist, meine Erfahrungen damit weiterzugeben, was heterosexuellen PartnerInnen widerfährt, wenn ihre Ehemänner oder -frauen sich als Schwule, Bisexuelle oder Lesben entdecken oder zu erkennen geben.
C.M-S: Wie ich weiß, haben Sie damit Ihre ganz eigenen Erfahrungen ...
A.P.B.: Ja. 1983, nach 23 Jahren Ehen hatte mein Mann sein Coming Out als Schwuler. Er sagte mir, daß er bereits vor unserer Ehe als Schwuler gelebt habe, aber das in all den Ehejahren verborgen hätte. Das Unterdrücken hätte unsere Beziehung untergraben, so daß wir uns nun scheiden lassen müßten. Wir hatten uns zu dem Zeitpunkt, zu dem er mir mitteilte, daß er schwul sei, bereits getrennt.
C.M-S: Hatten Sie davor irgendeine Ahnung davon, daß er schwul sein könnte?
A.P.B.: Als unsere Ehe dem Ende zuging, dachte ich mir, daß er sich vielleicht selbst als homosexuell bezeichnet, hatte aber keine Ahnung davon, daß er mal als Schwuler gelebt hatte und sich immer noch als Schwuler definierte oder daß er zu seiner schwulen Lebensweise zurückkehren würde, wenn er mich einmal verlassen haben würde.
C.M-S: Wie sind Sie mit diesem Problem fertig geworden?
A.P.B.: Ich las sehr viel darüber, fand eine Selbsthilfegruppe, ließ die Zeit das Ihrige tun, quälte mich durch die vielen Ent-Täuschungen hindurch: Schaden für die Sexualität, zerstörtes Glaubensystem ... Und betete.
C.M-S: In Ihrem Diskussionsbeitrag nannten Sie Konzepte, die Ihnen geholfen haben, die Probleme zu bewältigen ...
A.P.B.: Ich griff zu zwei Arten von Lektüre. Die erste über Homosexualität um überhaupt zu wissen, womit ich zu tun hatte. Ich meine, ich wußte vorher was Homosexualität ist, und kannte Homosexuelle, aber durch diese Literatur begann ich zu verstehen, daß es etwas Unumkehrbares ist und daß ich ihn nie wieder dahin bringen könnte, ein heterosexuelles Leben zu führen. Die zweite Art von Büchern war philosophischer, spiritueller und metaphysischer Natur. Sie sollten mir helfen, mein altes Glaubenssystem zurückzugewinnen, so daß ich wieder mit einem Glauben leben könnte, um meinem Leben Sinn und Richtung zu geben.
C.M-S: Und was bewirkte die Selbsthilfegruppe?
A.P.B.: Die Selbsthilfegruppe war sehr wichtig, um Menschen mit gleichen oder ähnlichen Problemen zu treffen. Ganz besonders für mich, weil ich nur ganz selten zornig werde. Meine Meinung war: "Was geschehen ist, ist geschehen." So wurden die anderen in der Gruppe zornig auf mich. Mir wurde deutlich, daß es noch eine zweite Seite des Leids gibt. Allein schon, eine Selbsthilfegruppe zu haben und ich spreche nicht nur von mir ist hilfreich, weil sie die Gefühle der betroffenen Personen bestätigt. Man stellt fest, daß man/frau nicht allein ist, daß man/frau nicht verrückt ist, und es einen Ausweg gibt. Es ist ein langer und dunkler Weg, aber er führt hinaus.
C.M-S: Sie haben von Beschädigung der Sexualität gesprochen. Was verstehen sie darunter?
A.P.B.: Das ist ein sehr starkes Wort, aber wenn ihr Ehemann oder ihre Ehefrau nach die Eheschließung ihr Coming Out hat, stellen Sie fest, daß Sie nicht das Ihnen zustehende volle Maß an sexueller Erfüllung bekommen haben. Der andere Partner war entweder homo- oder bisexuell und konnte nicht die für ihn nötige sexuelle Befriedigung finden. Und man selbst konnte es auch nicht, weil es ja keine Heterosexualität war. Das wird einem erst klar, wenn man wieder eine neue Beziehung eingeht. Wenn man sexuelle Beziehungen mit einem heterosexuellen Mann hat, wird man sich dessen bewußt, daß da eine Leidenschaft bei beiden Partnern ist, die es vorher nicht gegeben hat. Dann gibt es noch ein Problem. Die heterosexuellen Männer haben das Gefühl, daß sie nicht Mann genug sind, ihre lesbischen Ehefrauen zu halten. Andereseits haben die heterosexuellen Frauen das Gefühl, daß ihre sexuellen Fähigkeiten verkümmert sind und nicht mehr funktionieren, da sie so lange nicht gefordert wurden. Genau das ist der "sexuelle Schaden", der eintritt. Deshalb verwenden wir dieses Wort.
C.M-S: Wie findet man sich nun aus alledem heraus?
A.P.B.: Viel menschlicher Kontakt ist dafür nötig, normaler menschlicher herzlicher Kontakt mit anderen. Man kann lesen, einen Kursus über Sexualität absolvieren oder eine neue Beziehungen eingehen.
Sehr viele Ehen werden erst nach vielen, vielen Jahren aufgelöst, und besonders heterosexuelle Frauen haben das Gefühl, daß sie zu alt sind, um noch auf andere Männer anziehend zu wirken. Das gehört alles zu diesem Komplex der "sexuellen Beschädigung".
Gewiß, diese Wunden heilen, aber sie haben doch immer noch das Gefühl, daß sie einen großen Teil ihres Lebens umsonst gelebt haben. Sie sind um einen Teil ihres sexuellen Lebens gebracht worden, ihre besten Jahren wurden vergeudet.
C.M-S: Dann erwähnten Sie noch die Frage der Täuschung ...
A.P.B.: Täuschung, ja. Auch wenn die meisten Eheleute sich nicht bewußt gegenseitig täuschen. Entweder sie begreifen nicht, daß sie schwul oder lesbisch sind, oder sie haben noch keine praktische Erfahrung darin, es auszulösen. Sie unterdrücken es. Sie verbergen es. Wie immer sie es auch machen, der heterosexuelle Ehepartner fühlt sich hintergegangen, glaubt, daß er mit einer Lüge gelebt hat, Teil einer Scharade war. Zweitens, wenn der Ehemann der versteckte Schwule war, sehen die Partnerinnen darin einen Mangel an Vertrauen, das heißt, daß sie der Ehefrau nicht genug vertrauten, ihr die Wahrheit zu sagen. Durch die Tatsache, daß, der Ehemann es ihnen verheimlicht hat, fühlen sie sich hintergegangen. Auch, da sie die Ehefrauen selbst die Anzeichen nicht sahen, glauben sie, ihrem eigenen Urteil nicht trauen zu können. So muß man also das gegenseitige Vertrauen, ein Gefühl für ehrliche Kommunikation zwischen den Ehepartnern, wiederherstellen. Manchmal schaffen sie das nicht. Man muß entscheiden können, was richtig ist oder falsch ist, immer und immer wieder, weil man so wenig weiß. Man hatte ja soviel unwahres Zeug geglaubt.
C.M-S: Sie als Katholikin sprachen davon, Ihr Glaubensystem wiedergewonnen zu haben ... im religiösen Sinne?
A.P.B.: Nein, das ist nicht ganz richtig. Ich verstehe darunter, ein neues System zu finden, weil sich das alte in Luft aufgelöst hatte. Das Leben, das man glaubte, geführt zu haben, gehörte einem nicht mehr. Woran kann man denn noch glauben, wenn nicht an den Menschen, dem man am meisten vertraut hat? Was für ein Leben liegt denn noch vor einem? Die Menschen, die über das alles hinwegkommen, finden meistens etwas Bedeutsames außerhalb ihrer selbst Natur, Musik, Gott, eine überirdische Macht , so daß sie zurückschauen und feststellen können, daß das überstandene Leiden etwas ist, das im Leben vorkommen kann, mit dem man lernen kann umzugehen. Das macht den Unterschied.
C.M-S: Erleichtert das die Bewältigung der Situation?
A.P.B.: Das macht es überhaupt nicht leichter. Es schmerzt immer noch, aber das Ganze hat nun einen Sinn bekommen, und wenn man einen Sinn im Leben finden kann, ist das Leben insgesamt wieder etwas wert.
C.M-S: Nun haben Sie ja Forschung betrieben, die die Basis zu Ihrem Buch war. Haben Sie daraus einige allgemeingültige Schlußfolgerungen ziehen können in bezug darauf, ob "gemischt orientierte" Ehen weiterbestehen können?
A.P.B.: Ich habe daraus entnommen, daß solche Ehen funktionieren können, aber in den meisten Fällen tun sie es nicht. Ich glaube, wenn Menschen lernen können, zuerst einmal eine bessere Beziehung aufzubauen, eine gesündere, gleichberechtigte, offene und ehrliche Art von Partnerschaft, wenn die einzelnen lernen würden, ihr eigenes moralisches Wertsystem aufzustellen und einzusehen, daß ein solche Ehe in der der Ehemann nebenbei ein sexuelles Verhältnis hat in Ordnung ist; wenn sie es schaffen, ihre eigenen Regeln zu erarbeiten, sich wieder gegenseitig zu vertauen und dabei die Monogamie in der heterosexuellen Sphäre zu erhalten, aber dem homosexuellen Part dabei zu gestatten, seine homosexuellen Bedürfnisse ebensogut zu befriedigen wenn das alles möglich wäre, dann meine ich, könnten mehr von diesen Ehen erhalten bleiben.
C.M-S: Ist das nicht zu positiv, zu idealistisch gedacht?
A.P.B.: Auf jeden Fall würden mehr von diesen Ehen positiv enden, denn ich habe zuviel über verbitterte Ehefrauen gehört, die den Vater die Kinder nicht sehen lassen, und auch über Männer, die mit ihrer lesbischen Partnerin böse sind, die sie so abrupt verlassen hat, und die nach langer Zeit immer noch verbittert sind, ja noch nicht einmal mit ihr sprechen.
Der springende Punkt dabei ist, daß die Ehepartner durch ungeheures Leid hindurchgehen. In der Regel haben sie keine Unterstützung durch eine Organisation wie Schwule, Lesben oder Bisexuelle. Sie müssen das alles allein durchstehen.
C.M-S: Gibt es keine Selbsthilfegruppen für sie? Ich habe von der Existenz solcher Gruppen in den Niederlanden und den USA gehört?
A.P.B.: Es gibt nur sehr wenige, und für viele sind sie zu weit entfernt. Aber gerade dieses Alleingelassenwerden verbittert viele so sehr der Zorn und die Bitterkeit wachsen lawinenartig in ihnen an. Obwohl "lawinenartig" hier kein guter Vergleich ist, da es sich um ein sehr heißes Gefühl handelt. Es wächst und wächst in ihnen. Die Therapeuten wissen nichts davon. Sie wissen nichts von den ungewöhnlichen Problemen der sexuell unterschiedlich orientierten Paare, den erlebten Täuschungen, der Wirkung auf die Kinder und wie diese Menschen in die Homophobie hineingezogen werden.
C.M-S: In Homophobie hineingezogen meinen Sie damit, aus der Enttäuschung heraus entsteht Homosexuellenfeindlichkeit?
A.P.B.: Ja, Kinder und Ehepartner, die bisher nichts mit Homophobie zu tun hatten, werden plötzlich ihre Opfer. Die Therapeuten begreifen das nicht. Auch die Freunde und die Familien nicht. Sie ignorieren es, kehren es einfach unter den Teppich. Die Schwulen und Lesben bekommen Anerkennung für den Mut beim Coming Out und sollen ihre Befreiung feiern. Gut, aber sie sollten dabei nicht die Menschen vergessen, die im Zuge ihres Coming Out verletzt wurden.
Kinder zum Beispiel lehnen die Auflösung der Ehe ab, sie leiden darunter. Es macht sie verlegen, daß der schwule Vater Dinge tut, worüber sich die Gesellschaft lustig macht. Wenn sie im Jugendalter sind, bringt sie das Coming out eines Elternteils völlig durcheinander: Wenn Mutter oder Vater so sind, vielleicht es bei mir auch so sein, denken sie. Manchmal werden sie auch Opfer ihrer Schulfreunde, die sie wegen ihres schwulen oder lesbischen Elternteils lächerlich machen. Sie müssen erst einmal etwas über die Sexualität allgemein erfahren. Sie müssen wissen, daß ihre Mutter oder Vater dieselben Menschen geblieben sind, ob sie nun schwul oder lesbisch sind oder nicht. Die Eltern-Kind-Bindung ist noch immer vorhanden, und der heterosexuelle Elternteil muß diese Bindung schützen. Die Kinder müssen lernen, wie man mit der allgemeinen Homophobie umgeht, müssen herausfinden, wem sie das Geheimnis anvertauen können, und sie müssen etwas über Homosexualität erfahren.
C.M-S: Und das heißt konkret?
A.P.B.: Sexualerziehung muß zu Hause stattfinden, und wenn möglich auch woanders. Selbstverständlich sollte auch in den Schulen etwas dafür getan werden. Homosexualität gehört in den Normalbereich. Es gibt weniger Homosexuelle, aber es ist immer noch natürlich. Es ist nicht pervers, keine krankhafte Störung, nicht unnatürlich. Es wäre gut, wenn die Schulen dies leisten könnten, daß würde ich sehr begrüßen. Auch die Gesellschaft sollte ihren Beitrag leisten.
Meine Hoffnung ist, daß wenn die Masse der Menschen aufgeschlossener für die Probleme der heterosexuellen Ehepartner würde und sie begreifen könnte, daß Kinder und Ehepartner durch die Homophobie verletzt werden, das vielleicht die Haltung der Gesellschaft gegenüber Homosexuellen ändern könnte, sie weniger restriktiv mit Schwulen und C.M-S:Wieviele Menschen, meinen Sie, sind von dem Problem betroffen?
A.P.B.: Bis zu zehn Prozent der Bevölkerung sind schwul und etwa fünf Prozent lesbisch. Zwanzig Prozent davon sind verheiratet, dazu kommen die Bisexuellen ... Wir schätzen, daß in den USA etwa zwei bis sechs Millionen Paare davon betroffen sind. Wenn sie dazu noch die Kinder und Verwandten hinzuzählen, dann ist das eine ziemliche Anzahl Betroffener.
C.M-S: Möchten Sie dem Gesagten noch etwas hinzufügen?
A.P.B.: Ihren Lesern möchte ich sagen, daß sie sehr wahrscheinlich einen Betroffen kennen, am Arbeitsplatz, in der Kirche, in der Nachbarschaft. Wenn sie es bemerken, dann beachten Sie bitte auch den Ehepartner. Was er oder sie durchmachen, unterscheidet sich wesentlich von der Problematik einer gewöhnlichen Scheidung.
Das ist auch das Anliegen meines Buches: Brücken zu bauen zwischen Schwulen, Lesben, Hetero- und Bisexuellen und deren Gruppen. Ich möchte Therapeuten und anderen Fachleuten anhand von 17 wirklichen Fällen die verschiedenen Möglichkeiten aufzeigen, das Problem zu bewältigen. Und man kann es positiv bewältigen.
C.M-S: Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Colin de la Motte-Sherman
"The other Side of the Closet" von Amity Baxton


Männer kaufen. Oliver Demont hat vor einigen Monaten einen Bild- und Textband über die homosexuelle Szene in Zürich herausgegeben. Dazu wurde er von David Signer in der NZZ am Sonntag vom 14.10.2012 interviewt. Buchbesprechung siehe unten.
© NZZ am Sonntag; 14.10.2012; Ausgaben-Nr. 42; Seite 75
Gesellschaft (gs)

"Zürich ist ein Hotspot"
Die Stadt Zürich gilt europaweit als ein Hotspot der männlichen Prostitution. 700 Stricher aus der ganzen Welt finden hier ein Auskommen. Ein Kenner über eine wenig beachtete Subkultur
NZZ am Sonntag: Oliver Demont, wie kamen Sie dazu, ein Buch über die Stricherszene in Zürich zu schreiben?
Oliver Demont: Zürich ist ein Hotspot. Es gibt hier schätzungsweise 700 Stricher. Viele stammen entweder aus Brasilien oder aus Osteuropa und leben jeweils nur für ein paar Monate hier. Zürich ist beliebt bei ihnen: Es herrscht ein liberales Klima, die Zürcher sind relativ wohlhabend. Stricher finden Zürcher besonders nett.
Wo findet man als Schwuler die Stricher?
Es gibt die Saunas, zum Beispiel im Niederdorf, wo man den Vorteil hat, zu sehen, was man für sein Geld bekommt. Dann gibt es Lokale und Kontaktbars. Immer wichtiger werden Internetportale wie Gayromeo, auf dem weltweit 26 000 Stricher ihre Dienste anbieten.
Als Aussenstehender liest man das Buch "Männer kaufen" wie eine Ethnografie über eine Subkultur, die mitten unter uns existiert. Was hat Sie selber am meisten erstaunt bei Ihren Recherchen?
Das Klischee vom Stricher als Opfer und vom Freier als Täter trifft nur in Extremfällen zu. Die Biografien der Freier zeichnen sich häufig aus durch ein spätes Coming-out, durch Doppelleben. Ich wollte mich erst auf die Stricher konzentrieren, merkte dann aber, dass die Rolle der Freier auch komplexer ist, als man meint.
Doppelleben?
Ich porträtiere einen 58-jährigen Malermeister aus der Ostschweiz. Er ist verheiratet und hat Kinder. Seine Frau weiss als Einzige, dass er schwul ist, aber sie erfuhr es auf Umwegen. Alle zwei Wochen fährt er nach Zürich in die Sauna. Mit der Schwulenszene möchte er nichts zu tun haben, er äussert sich eher abfällig. Das klingt wie ein Klischee aus den fünfziger Jahren, aber der Mann sagt, er treffe in der Sauna viele, die seien wie er.
Man könnte meinen, wir lebten in einer sehr liberalen Gesellschaft, wo Schwulsein unproblematisch geworden sei.
Ja. Aber wenn man genauer hinhört, ist da immer noch viel Scham. Die Standardfrage dazu lautet: Gäbe es eine Pille, die dich plötzlich zum Hetero machen würde - würdest du sie nehmen? Es ist erstaunlich, wie viele - gerade Junge - auch heute noch darauf mit Ja antworten.
Das Schema "armer Stricher - böser Freier" kehrt sich manchmal auch um, wenn ein Kunde finanziell ausgenommen wird.
Die Verhältnisse sind selten eindeutig. Freier entwickeln den Strichern gegenüber oft Rettungsphantasien, manchmal sehen sie sich auch als eine Art Vater. Im Buch erzählt ein Psychiater, ihn habe die Leidenschaft für einen Kubaner etwa dreihunderttausend Franken gekostet. Es gibt schon Stricher, die die Gefühle eines Mannes ausbeuten, aber der Psychiater scheint sein Engagement nicht allzu sehr zu bereuen. Oft sind es Arrangements, mit denen beide einverstanden sind. Karel aus Prag, der sechstausend Euro im Monat verdient, kann in der Wohnung eines Schweizer Bekannten anschaffen, muss ihm aber die Hälfte abliefern. Ist das Zuhälterei? Karel findet den Deal fair, weil er so nicht riskiert, auf einer hohen Hotelrechnung sitzen zu bleiben.
Es ist auffällig, wie viele der porträtierten Freier qualifiziert und wohlhabend sind: Banker, Arzt, Architekt, Finanzberater. Ist das repräsentativ?
Natürlich braucht es Geld. Stricher kosten ja doch mindestens zweihundert Franken. Aber tatsächlich sind viele Schwule beruflich ambitioniert und erfolgreich. Vielleicht möchten sie wenigstens in dieser Hinsicht "normal" und unangreifbar sein.
Warum sind fast alle Schwulen in Ihrem Buch so obsessiv mit ihrem Aussehen und ihrer Fitness beschäftigt?
Es ist tatsächlich erstaunlich, dass sich ein 70-jähriger Freier fragt, wenn er zu einem Escort geht: Bin ich gut in Form? Vielleicht erhofft er sich eben mehr als nur bezahlten Sex.
Der Sexualmediziner David Garcia äussert in Ihrem Buch allerdings noch eine weitergehende These.
Ja. Er sagt, dass Schwule besonders Angst davor haben, alt zu werden. Vielleicht habe das auch mit der Unmöglichkeit zu tun, gemeinsam Kinder zu zeugen. Es herrsche eine Fokussierung aufs Sexuelle und Körperliche vor. Der muskulöse Körper verdecke die innere Fragilität, die auch heute noch viele Schwule empfänden, einfach weil sie anders seien. Vielleicht ist das ähnlich wie beim beruflichen Ehrgeiz.
Die Promiskuität der Schwulen scheint auch nicht so locker zu sein, wie man als Aussenstehender glaubt.
Die Trennung von Sex und Gefühlen gelingt nicht einmal im Strichermilieu. Ein Freier erzählte, wie er in der Sauna plötzlich deprimiert und eifersüchtig war, als der Stricher nach dem Sex mit einem andern Mann in einer Kabine verschwand.
Könnte es sein, dass in dem Masse, in dem weibliche Prostitution dramatisiert wird, männliche Prostitution verharmlost wird?
Vielleicht misst man da tatsächlich mit verschiedenen Ellen. Man hat das Gefühl, für die weibliche Psyche müsse es katastrophal sein, mit mehreren Männern Sex zu haben, während es für einen Stricher einfach Fun sei. Aber die Bedingungen für Männer sind ebenso schwierig. Die Brasilianerinnen, die den Strichern zu überrissenen Preisen Zimmer vermieten, könnte man auch als Zuhälterinnen bezeichnen. Und dann sind viele Stricher - vor allem aus Osteuropa - eigentlich heterosexuell.
Diese Gruppe fand ich am erstaunlichsten in Ihrem Buch.
Da gibt es jenen, der eine Freundin in Prag hat und ihr versprechen musste, mit keiner Frau zu schlafen. Oder Yvor aus Sofia, der kurz davorsteht, Vater zu werden, dessen Partnerin aber nichts von seinem Gelderwerb weiss - oder zumindest so tut. Eigentlich findet er die Schweizer Freier nett, aber manchmal spürt er auch Hass - auf die Kunden, sich selber, alles. Die heterosexuellen Stricher nehmen meist Viagra. Oder sie beziehen eine narzisstische Befriedigung aus dem Gefühl, attraktiv und begehrt zu sein; das Gegenüber spielt dann gar nicht so eine Rolle. Es gibt auch Stricher - vor allem aus Rumänien und Bulgarien -, die die Schwulen richtiggehend verachten. Vielleicht beziehen sie einen gewissen sadistischen Lustgewinn aus dem Gefühl, Schwule durch ihren Job zu erniedrigen. Aber sie stehen sicher unter enormen innerlichen Spannungen.
Glauben Sie, dass es schädlich ist, längere Zeit als Stricher zu arbeiten?
Das kann man wohl nicht verallgemeinern. Aber nehmen wir Manuel aus dem Buch. Wäre das mein Sohn, würde ich mir schon etwas Sorgen machen und einmal ein ernstes Wörtchen mit ihm reden. Manuel ist Schweizer, 20, lebt noch zu Hause. Abgebrochene Lehre, keine Arbeit. Irgendwann stellte er sein Bild auf eine schwule Kontaktseite im Internet und konnte sich vor Angeboten nicht mehr retten. Als er beim ersten Mal dreihundert Franken verdiente - für zehn Minuten - war es um ihn geschehen. Der finanzielle Anreiz ist so stark, dass er sich wohl keine Lehrstelle mehr suchen wird. Der Junge, so meine Vermutung, weiss nicht, worauf er sich da eigentlich einlässt.
Müsste man, so wie das für weibliche Prostituierte geplant ist, auch für die Stricher Verrichtungsboxen einrichten, um sie zu schützen? Sicher wäre es sinnvoll, juristisch gesicherte Verhältnisse zu schaffen, so dass beispielsweise die Brasilianer nicht mehr quasi vogelfrei arbeiten müssten. Aber Sexboxen würden wohl nicht funktionieren. Weil dann alles, was über den reinen Sex hinausgeht, abgeschnitten würde, eben zum Beispiel die ganzen Retterphantasien.
Geht ein Stricher eigentlich mit jedem Freier?
Die heterosexuellen Stricher sagen meist: Es ist mir egal, ob einer 18 oder 80 ist, Mann ist Mann. Bei den Schwulen oder Bisexuellen ist es anders: Die finden es natürlich angenehmer mit einem jungen Hübschen oder einem netten Reichen und behalten sich auch vor, Kunden abzulehnen. Interview: David Signer


Bericht über unsere Arbeit:
hetera - Hilfe für Partnerinnen schwuler Männer

Artikel erschienen in der Schweizerischen Ärztezeitung, Nr 38, am 18.9.02
F. Hoesch

Seit einem Jahr engagiert sich die Frauengruppe hetera für Partnerinnen und Kinder von schwulen Männern. Sie berät Betroffene, organisiert Begegnungstage und macht die Öffentlichkeit über eine Homepage (www.hetera.ch ) und Medienarbeit auf das bisher tabuisierte Thema aufmerksam. hetera will betroffenen Frauen und Kindern eine Stimme geben.

Eigentlich - so glaubt man - kann es Ehefrauen von schwulen Männern und leibliche Kinder von schwulen Vätern gar nicht geben. Dasselbe gilt für Partner lesbischer Frauen und deren Kinder. Im Bewusstsein der Öffentlichkeit kommen sie jedenfalls nicht vor. Nach unseren Beobachtungen müssen wir aber davon ausgehen, dass in der Schweiz Zehntausende von Frauen und Männern in einer Ehe oder Partnerschaft mit Homosexuellen leben oder gelebt haben und dass es noch mehr Kinder aus diesen Verbindungen gibt. Zahlen haben wir bei einem so tabuisierten Thema natürlich nicht. Eine amerikanische Gruppe "Straight Spouse Network" (www.ssntwk.org) schreibt, dass in den USA ca. 2 Millionen Menschen betroffen seien. (A. Buxton, The other Side of the Closet, 1991) Wenn man das auf schweizerische Grössen umrechnet, kommt man auf 60.000 Menschen, die fast alle kaum über ihre Geschichte zu sprechen wagen und vermutlich sehr allein damit sind.


Partnerinnen schwuler Männer
Viele betroffene Frauen werden gar nicht wissen, in welcher Situation sie sich befinden, denn ihre Männer leben die homosexuellen Neigungen oft versteckt aus. Sie wagen nicht, zu ihrer schwulen Seite zu stehen, weder gegenüber ihren Frauen, noch unter Hetero-Männern und auch nicht unter Homosexuellen. Für die einen sind sie nicht richtig hetero, für die anderen nicht richtig schwul. Sie fürchten ihre Familie zu verlieren. Sie sind gefangen in ihrem Geheimnis. Eine offene und herzliche Partnerschaft ist dann unmöglich. Mitleidende sind immer die Kinder, denn das Geheimnis vergiftet die Familienatmosphäre.

Betroffene Frauen wenden sich wegen psychosomatischer Beschwerden häufig an ihren Hausarzt, viele sind depressiv oder sogar suizidal. Aber auch mit ihrem Arzt sprechen sie nur selten über die Hintergründe. Sie wissen nicht, wie sie sich ausdrücken sollen, sie schämen sich und sie fürchten, dass man sie nicht ernst nehmen oder ihnen die Schuld am sexuellen Verhalten ihrer Partner geben könnte.
Und umgekehrt ist es für den Arzt heikel nachzufragen, denn wenn man einen heterosexuellen Mann bzw. seine Frau fragt, ob er schwul sei, ist er vielleicht verletzt oder fühlt sich sogar schwer beleidigt. Das Tabu blockiert die ganze Situation.

Kinder schwuler Väter
Kinder und Jugendliche haben es besonders schwer mit ihren Altersgenossen über ihre Sorgen zu sprechen, denn unter ihnen sind Klischeevorstellungen und Vorurteile noch weiter verbreitet. Der Anpassungsdruck und Bedürfnis, von Gleichaltrigen akzeptiert zu sein, sind im Mittel- und Oberstufenalter sehr hoch. Das Wort "schwul" wird aber von den Gleichaltrigen häufig als übles Schimpfwort gebraucht. Wie soll ein Kind damit umgehen, wenn es weiss, dass sein Vater schwul ist?

Rückzug und Einsamkeit können die Folge sein. Wenn Schulschwierigkeiten auftreten, ist es nicht leicht zu entscheiden, ob man dem Lehrer, der Lehrerin vom schwulen Partner bzw. Vater erzählen soll. Vielleicht sind die Lehrpersonen selber damit überfordert, denn davon haben viele noch nie etwas gehört und können es deshalb nicht einordnen.

Das Coming Out des Partners ist ein Schock
Ein Zitat aus einem E-Mail, das typisch ist für viele: "Ich bin seit 13 Jahren verheiratet, wir haben zwei Kinder. Im September letzten Jahres hat mir mein Mann erzählt, dass er schwul ist. Ich habe mich gefühlt, wie vom Blitz getroffen. Mittlerweile ist der erste Schock in eine abgrundtiefe Verzweiflung übergegangen. Ich hatte wirklich absolut keine Ahnung. Auch jetzt fühle ich mich noch wie in einem bösen Traum, aus dem ich nicht aufwachen kann."
Nicht selten kommt das Geständnis: "Ich bin schwul, ich habe Sex mit Männern, ich habe einen Freund" ganz plötzlich und nach sehr langer Ehe. Viele schwule Männer scheinen über sehr lange Zeit ein perfektes Doppelleben zu führen, teils weil sie Angst haben, teils weil sie verdrängt und sich selbst etwas vorgemacht haben und ganz selten auch aus Zynismus. Die Grenze zwischen Hetero- und Homosexualität ist viel fliessender, als man gemeinhin denkt. Das hat schon Kinsey in den Fünfziger Jahren gezeigt. Die Gründe der Männer sind hier nicht unser Thema, sondern die Frage: warum ist das für die Frauen so schockierend?

Was für ihn eine Befreiung ist, bedeutet für sie Verstecken und Gefangensein
Der Partner ringt sich nach einem oft monate- oder jahrelangen inneren Kampf dazu durch, die Wahrheit über seine Empfindungen zu sagen. Oder, viel häufiger, sein Doppelleben wird nach einer langen Zeit des Versteckens von seiner Frau entdeckt. Das ist für ihn zunächst eine grosse Befreiung. Manchmal brechen alle Dämme des Schweigens, denn er ist glücklich seiner Frau endlich alles erzählen zu können.

Die ganze Wucht des Tabus trifft nun sie. Die Gesellschaft denkt auch heute noch: Homosexuelle haben nichts mit Frauen! Das können ja nur irgendwie gestörte Frauen mit einem sehr schwachen Selbstwertgefühl sein, denen das passiert. Sicher sind sie unattraktiv, passiv, irgendwie männlich oder selbst sexuell abartig.
Die Partnerin fühlt sich stigmatisiert und isoliert. Wem kann sie sich anvertrauen? Was wird die eigene Familie, was werden die Nachbarn, die Menschen am Arbeitsplatz über sie denken oder reden? Wie soll sie es ihren Kindern erklären?

Alles ist in Frage gestellt
Ob jemand eine Frau ist oder ein Mann, ob sie/er das andere Geschlecht liebt oder das eigene, die sexuelle Orientierung ist eine der Grundfesten der Persönlichkeit. Eine heterosexuelle Frau geht davon aus, dass ihr Partner ebenfalls heterosexuell ist, meistens ohne dass sie sich dabei viel denkt oder gar Fragen stellt. Nun ist auf einen Schlag alles gestört, nicht nur die Ehe bzw. Partnerschaft, auch das eigene Selbst, die eigene Geschlechterrolle, die Beziehungsfähigkeit und das ganze eigene Leben.

Ist das nicht in heterosexuellen Beziehungen ebenso, wenn einer fremd geht? Vieles ist vergleichbar. Fast alle Menschen sind erschüttert, wenn ihre Ehe zerbricht. Aber die Krise geht tiefer und hält länger an.

Wie war es möglich, dass ich nichts gemerkt habe?
Ein Mann, der ein Doppelleben führt, baut einen Bereich des Schweigens um sich herum auf. Er organisiert das perfekt: Überstunden, Mittagspausen, Weiterbildungen am Wochenende, Sportklubs etc. Und seine Frau gönnt ihm das alles gerne, sie hat Mitleid mit ihm, weil er soviel arbeiten muss, und will ihn nicht auch noch mit Fragen stressen. Frauen finden tausend Erklärungen, warum der Partner sich verändert hat. So entsteht ein Bereich, über den nicht geredet wird.
Eine andere Form des Schweigens ist, dass der Mann besonders nett und aufmerksam ist: Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft bei der Pflege der Kinder und im Haus, Verständnis und Einfühlung im Bett. Er vermeidet jede Art von Konflikten. Es könnte ja sein, dass im Streit alles heraus kommt. So lebt das Paar die "ideale Ehe", gilt nach aussen hin als Musterpaar. Aber im Innern entsteht eine Tabuzone, ohne dass man es richtig merkt.

Was ist mit mir los, bin ich vielleicht sexuell zu wenig entwickelt?
Welcher Mensch glaubt , dass er/sie im Bett perfekt sei? Wird nicht jede Frau hin und wieder unsicher? Die Entdeckung, dass der Partner homosexuell ist, scheint vielen Frauen zu bestätigen, dass sie sexuell ungenügend sind. Sie zweifeln an ihrer Weiblichkeit, fragen sich, ob sie vielleicht zu wenig anziehend, zu wenig sensibel, zu wenig orgasmusfähig seien etc. Nicht selten haben ihre schwulen Partner die eigene sexuelle Unlust gerade mit solchen Vorwürfen bemäntelt. Die Frau wird von ihrem Partner sexuell nicht wirklich begehrt, die sexuelle Energie in der Ehe geht verloren. Sie selbst erlebt sich nicht mehr als anziehend. Sie wird unausgesprochen abgewertet und verinnerlicht das. Eine Frau sagt: "Es ist, als ginge das Licht aus und ich nehme mich selbst in meiner Weiblichkeit nicht mehr wahr." Sie wird nun meistens nur noch als Mutter angesprochen, auch von ihrem Ehemann. Und sie muss sich dafür weiteren Spott von anderen gefallen lassen. Fragen voller versteckter Vorurteile werden auch von aussen gestellt. Mütter fragen, warst du denn auch gut genug im Bett? Therapeuten fragen, was ist denn mit ihnen los? Wo ist ihr eigener homosexueller Anteil? Spätere Partner fragen, bist du denn überhaupt eine richtige Frau? All diese Fragen nagen am Selbstbewusstsein und verwirren die Frau noch mehr.

Eine amerikanische Soziologin, Familien- und Sexualtherapeutin ist den vorgefassten Meinungen nachgegangen: Haben Partnerinnen von schwulen Männern ein schwaches Selbstbewusstsein? Haben sie eine spezielle Vorgeschichte? Sind sie in ihrer Sexualität gestört? Sie fand keine signifikanten Unterschiede zu anderen Frauen. (J.S. Gochros, When Husbands come out of the Closet,1989)

Probleme des Partners machen es schwer an sich selbst zu denken
Auch der schwule Partner ist sich über seine eigenen Gefühle sehr oft nicht im Klaren. Er hofft nicht selten, dass er sich durch die Ehe aus dem Dilemma, "anders" zu sein, befreien kann. Viele schwule Ehemänner lehnen Homosexualität zutiefst ab, wollen mit Schwulen nichts zu tun haben, ja finden es ekelhaft und unmoralisch. Homophobie ist unter Homosexuellen weit verbreitet. Das bringt auch sie selbst in eine schwierige Lage, und es ist nicht erstaunlich, dass recht viele Männer daran sehr leiden, depressiv werden, zuviel Alkohol trinken und auch gewalttätig werden. Nicht selten sind sie suizidal und müssen in psychiatrische Behandlung.

Die Frauen spüren das Leiden ihres Partners, haben Mitleid mit ihm und sind bereit, sein Problem grösser zu sehen als das eigene. So wirken sie auch für andere manchmal wie Mütter, die neben den realen Kindern auch noch den Partner wie ein hilfloses Kind behandeln. Auch wenn der Vergleich hinkt, man kann sie am besten mit Co-Abhängigen vergleichen. Sie möchten den Mann, den sie lieben oder geliebt haben, nicht schlecht machen. Sie tun alles um ihn und die Familie zu stabilisieren, sie helfen mit, nach aussen ein intaktes Familienbild zu bewahren, und sie nehmen sehr viel Schuld auf sich. Das persönliche Glück und die eigenen Gefühle, Wut, Schmerz, Trauer etc. werden zurück gestellt.

Dabei haben auch die Frauen massive Probleme
Die Frauen erzählen uns von sehr gravierenden Beschwerden. Ein häufiges Problem scheint ein starkes prämenstruelles Syndrom zu sein. Aber auch allgemeine Verkrampfungen, Zähneknirschen, Kopfschmerzen, Atembeschwerden bis zum Asthma, Schlafprobleme, Essstörungen, Rückenschmerzen, Niedergeschlagenheit bis hin zur Depression und Selbstmordgedanken können die Folge sein. Nicht selten kommt es vor, dass Frauen mit dem HI-Virus, mit Syphilis oder Hepatitis B angesteckt werden und erst durch diese Diagnose vom schwulen Doppelleben ihres Mannes erfahren. Die erwähnte amerikanische Studie sagt, dass fast 50% der 33 genau befragten Frauen zeitweilig selbstmordgefährdet waren und dass weder Verwandte noch Therapeuten und Ärzte das wirklich wahrnahmen. (Gochros,S.97)

Trennen oder zusammen bleiben?
"Muss ich mich jetzt scheiden lassen? Wie schwul ist er eigentlich? Wie wichtig ist Sex mit Männern in seinem Leben? Kann ich damit leben? Mit wieviel? Kann ich dazu stehen?" In diesen Fragen bleiben manche Frauen jahrelang stecken. Oder es beginnt ein schmerzhafter Scheidungs-Prozess, den auch viele andere Menschen durchmachen müssen. Manche Paare gehen miteinander auf die schwierige Suche nach einer individuellen Lösung, für die es kaum Vorbilder gibt. Und die Gefahr ist gross, dass sie sich überfordern und noch einmal scheitern.

Reden ist Lebens - Not - wendig
So kommt es, dass auch die Frauen schweigen. Sie glauben, die einzigen auf der ganzen Welt zu sein, denen das passiert. Sie haben alle die Klischees verinnerlicht, die in der Gesellschaft herumschwirren. Was aber nicht ausgesprochen werden kann, scheint auch nicht ganz real zu sein. Man kann es nicht glauben und das Nachdenken darüber bewegt sich im Kreis. Es ist lebensnotwendig, dass betroffene Frauen ihren Schmerz, ihre Ohnmacht und ihre Wut ausdrücken können, sie brauchen andere Frauen, mit denen sie ihre Gefühle austauschen können. Aber die sind oft nicht zu finden.

Ein Blick in die Runde an einem hetera-Begegnungstag ist an sich schon heilend, denn dort sitzen gegen ein Dutzend betroffene Frauen und sie sind alle verschieden. Jung und alt, schlank und rund, schick und unauffällig, intellektuell und gefühlsbetont, lustig und traurig, alle menschlichen Variationen sitzen da im Kreis und alle einfachen Erklärungen sind auf einen Blick erledigt. Es hilft sehr, die Geschichten der anderen zu hören, denn es gibt soviel Neues zu erfahren, was bisher unerhört war, über Homosexualität und Bisexualität. Das ist wichtig. Und ebenso viel lernt die Teilnehmerin über die Variationen des Coming out, über Reaktionen und Gefühle der Frauen in diesem Moment, über Lösungsversuche und Lebensmöglichkeiten. So kann aus dem Schock, den das Coming Out bewirkt, neue Lebenserfahrung wachsen, und nach der grossen Verwirrung kann Schritt für Schritt mehr Klarheit und schliesslich ein gangbarer Weg gefunden werden.

 

hetera - Hilfe für Partnerinnen schwuler Männer
hetera ist aus der Selbsthilfe hervorgegangen. Die Gruppe arbeitet seit einem Jahr und unentgeltlich. Durch ihre Ausbildungen und berufliche Erfahrung in den Gebieten psychologische Beratung, Sozialpädagogik, Informatik und Schule bringen die Gründungsfrauen viel professionelles Wissen für diese Aufgabe mit.

Öffentlichkeitsarbeit
hetera hat eine Homepage aufgebaut (www.hetera.ch), auf der betroffene Frauen ihre Geschichten erzählen können. Alle Geschichten werden unter einem Pseudonym veröffentlicht und so weit verfremdet, dass absolute Anonymität gewährleistet ist. Sie finden dort Erste Hilfe Tipps, eine Literatur- und Linkliste und Antworten auf oft gestellte Fragen. Hetera ist eine Gruppe ausschliesslich von Frauen für Frauen. Es hat sich durch ihre Vermittlung eine Gruppe von Partnern lesbischer Frauen zusammengefunden, mit denen sie zusammen arbeiten. (walter.z.weber@bluewin.ch) Im Aufbau begriffen ist eine Seite für betroffene Kinder. Eine "Chronik der laufenden Ereignisse" berichtet über die bisherige Arbeit. Interviews mit Medienschaffenden haben zu diversen Artikeln in Tageszeitungen und Zeitschriften geführt und Mitglieder der Gruppe waren in der Sendung "Familienrat" auf DRS I zu hören.

Beratung für Betroffene
Ratsuchende können sich telefonisch oder per E-Mail mit hetera in Verbindung setzen. Es melden sich zur Zeit etwa vier bis sechs betroffene Frauen pro Monat. Sie haben oft noch mit niemandem über ihre Ängste und Sorgen gesprochen und sind sehr erleichtert. Vier Mal pro Jahr organisieren und leiten professionell ausgewiesene Frauen von hetera einen Tag für Betroffene im Selbsthilfezentrum Uster. Drei solche Treffen mit insgesamt 30 Teilnehmerinnen haben schon stattgefunden, das Echo war sehr positiv. An drei Orten: Uster, Bern und Basel haben sich Selbsthilfegruppen gebildet, die hetera z.T. begleitet. hetera will weiter ein Netz aufbauen, das die Isolation durchbricht, Vorurteile abbaut, das Tabu lockert und so viele schmerzhafte und krankmachende Situationen zu verhindern hilft.

Flyer für die Arztpraxis
Leider besteht noch sehr wenig Wissen über dieses komplexe Thema, und Literatur aus dem europäischen Raum liegt noch kaum vor. Aus diesem Grund ist hetera auf Informationen Betroffener und Helfender angewiesen. Ein kurzer Fragebogen ist vorbereitet, mit dem erforscht werden soll, wie häufig und in welchen Kontexten das Thema in der Praxis verschiedener helfender Berufe auftaucht. Für die Arztpraxis hält einen Flyer bereit, der die Internet-Adresse und die Telefonnummer für Betroffene bekannt macht. Er wird ihnen gerne zugesandt, wenn sie ein adressiertes und möglichst auch frankiertes Couvert an die Autorin schicken.

Hetera ist zu erreichen: www.hetera.ch bzw. info@hetera.ch
oder über das Selbsthilfezentrum Uster, Tel +41 (0)44 941 71 00
weitere Anlaufstellen:
Auskunft über die Selbsthilfegruppe in Bern unter Tel. +41 (0)31 370 34 34
und in Basel, Selbsthilfezentrum Hinterhuus, Tel. +41 (0)61 692 81 00
in St.Gallen ist eine Selbsthilfegruppe geplant: Tel. +41 (0)71 222 22 63
Partner lesbischer Frauen: walter.z.weber@bluewin.ch
Schwule Männer finden Rat bei Pink Cross: office@pinkcross.ch
und lesbische Frauen bei LOS: Postfach 455, 3000 Bern
Eltern und Freunden von Lesben und Schwulen hilft FELS: fels@fels-eltern.ch

Anschrift der Autorin
Dr. Folma Hoesch, Schlösslistrasse 16, 8044 Zürich
f.hoesch@datacomm.ch

 

 


Familie oder Coming-Out?
Artikel vom 7. November 2005 im Stassenmagazin Surprise von Morena Palicano

Sie sind jahrelang verheiratet, haben Kinder. Dann das Geständnis des Partners: Ich bin homosexuell.
Plötzlich wird die ganze Familie zum Teil eines Tabus, das von der Öffentlichkeit nur zögernd wahrgenommen wird. Von einer Situation, die das Leben auf den Kopf stellt und ganz unterschiedlich gemeistert werden kann.

Folma Hoesch hat drei erwachsene Kinder und lebt seit 20 Jahren von ihrem Mann getrennt. Nach elf Ehejahren gestand er ihr, homosexuell zu sein und seine Neigungen schon vor und auch während der Ehe ausgelebt zu haben. Für sie stürzte eine Welt zusammen, sie war entsetzt, empfand Ekel, spürte aber auch das Leid, das hinter diesem Doppelleben stand. Ein Jahr lang besuchte sie zusammen mit ihrem Mann eine Paartherapie. "Aber seine Homosexualität wurde nie zum Thema. Niemand wollte oder konnte meinen Schmerz verstehen. Im Hintergrund der Gespräche stand immer die Forderung nach Toleranz gegenüber den Schwulen. Meine Perspektive als Partnerin eines schwulen Mannes wurde ausgeblendet." Sechs Jahre später zog der Partner aus.
Vor vier Jahren gründete Folma Hoesch, ausgebildete Therapeutin, zusammen mit anderen Frauen die Selbsthilfeorganisation hetera. Aus ihren Beratungsgesprächen weiss sie, dass die Frauen oft über Jahre hinweg schweigen. Isolation, Depression und Krankheit können die Folgen davon sein. In der Selbsthilfegruppe erfahren betroffene Frauen, welche Gefühlsstürme andere erlebt haben. Sie hören viel über Homosexualität und Bisexualität und welche Möglichkeiten des Zusammenlebens andere ausprobiert haben. Sie lernen, dass sie sich selber ernst nehmen müssen und dass sie Grenzen setzen dürfen. "Diejenigen, die diese Herausforderung mit der Zeit annehmen können, lernen sehr viel Neues über sich und das Leben", betont Folma Hoesch.

Konfrontation mit der unbekannten Seite

Karin Frei* lebte während zehn Jahren mit ihren drei Kindern und ihrem Mann, der in einem internationalen Unternehmen tätig ist, in Asien. Einmal fragte eine Hausangestellte: "Wissen Sie, dass in ihrem Bett ein Mann schläft, wenn Sie nicht da sind?"
Die Entdeckung, dass ihr Mann ein Doppelleben führte, war für Karin Frei ein Schock. "Mir rutschte der Boden unter den Füssen weg." Und dann die Fragen: Warum arbeitet er immer am Wochenende? Warum kommt er abends immer so spät nach Hause? Warum verbringt er so viel Zeit mit seinem Chauffeur? Plötzlich bekommt alles eine zweite Bedeutung. Die Geschichte der Ehe, die gemeinsame Vergangenheit, die Gegenwart, alles verändert sich radikal. Ehepartnerinnen und -partner, die von der Homosexualität ihres Partners oder ihrer Partnerin erfahren, werden mit einem Thema konfrontiert, mit dem sie sich vorher kaum auseinandersetzen mussten. Nun stehen sie mitten drin, müssen eine neue Sprache suchen, neue Wertvorstellungen erarbeiten.
"Die ganze Wucht des Tabus trifft dann auch die heterosexuellen Partnerinnen und Partner. Sie müssen erkennen, dass sie nur die halbe Welt ihres Mannes oder ihrer Frau kannten, dass es einen Teil gibt, der ihnen ganz fremd ist, den sie nicht einmal für möglich gehalten haben. Und sie sind selber mit dem Unverständnis ihrer Umgebung konfrontiert", erklärt Folma Hoesch.

Keine Chance gegen einen Mann

"Mein Mann sagte, es sei nicht so, wie ich denke. Er hat dann doch das Eingeständnis gemacht, dass ihm dieser Mann sehr nahe stehe, aber die Sache nie beim Namen genannt", so Karin Frei. Für sie war das eine sehr verwirrende, von Unsicherheit und Ungewissheit geprägte Lebenssituation. "Ich konnte mit meinem Mann wenig bis gar nicht darüber reden. Ich habe immer wieder das Gespräch gesucht, doch er hat immer abgeblockt und gesagt, ich bilde mir da etwas ein." Ihr Mann bestand darauf, dass sie seinen Freund kennen lernte. "Du musst mir diesen Typen gar nicht vor die Nase setzen", erwiderte sie. Trotzdem brachte ihr Mann seinen Freund regelmässig zum Mittagessen nach Hause. "Das war total stressig und obermühsam."
Nach gut einem Jahr hielt es Karin Frei nicht mehr aus, sie reiste mit ihren Kindern zurück in die Schweiz, nahm sich eine Wohnung, schulte die Kinder ein. "Ich begann mich über das Thema Homosexualität zu informieren. Ich musste wissen, haben wir noch eine Chance? Wie könnte man das leben? Welche Möglichkeiten gibt es?" Nach neun Monaten reiste sie mit ihren Kindern wieder zurück nach Asien, sie wollte es noch einmal versuchen. "Bei meinem Mann hatte sich überhaupt nichts verändert. Er war weiterhin mit seinem Freund zusammen. Aber mit mir wollte er nicht darüber reden. Es gab keine Klarheit. Wir konnten nicht nach einer gemeinsamen Lösung suchen." Noch zwei Jahre blieb sie in Asien, dann kam für sie der Punkt, an dem sie die Situation nicht mehr ertragen konnte. Vor fünf Jahren kam sie mit ihren Kindern wieder in die Schweiz und reichte die Scheidung ein. "Gegen einen Mann habe ich keine Chance. Wenn er das braucht, dann soll er das leben. Ich kann das nicht verhindern, ich kann ihm das nicht verbieten. Aber ich mache das nicht mit."
Mit den Kindern sprach sie lange nicht über die Scheidungsgründe. Sie wusste nicht, wie sie es ihnen erklären sollte. Ihr Mann stand nicht dazu und sie wollte ihm nicht in den Rücken fallen. "Als ich es ihnen dann endlich sagte, fiel mir eine Last von den Schultern. Da war für mich klar, jetzt muss ich das nicht mehr tragen, jetzt kann ich das bei ihm lassen."
Bei ihren Beratungsgesprächen konnte Folma Hosch auch feststellen, dass viele Frauen lange keinen Ausweg finden. "Wenn sie keine Frauen kennen, denen das auch schon passiert ist, und mit niemandem reden können, dann finden sie weder Denkmöglichkeiten noch Modelle, wie ihr Leben weitergehen könnte. Eine lange Phase der Entscheidungsunfähigkeit, des Aushaltens, des Funktionierens kann folgen."

Die Wut des Zahlvaters

Auf der Homepage hetera.ch gibt es auch einen Link zu hetero, einer Selbsthilfegruppe für Männer, deren Partnerinnen lesbisch sind. "Es gibt nur wenige Männer, die über dieses Thema reden wollen", stellt Markus Roth*, Mitbegründer von hetero, fest. Er ist seit kurzem geschieden und Vater von zwei schulpflichtigen Kindern. Vor sechs Jahren sagte ihm seine Ex-Frau, dass das mit ihrer Freundin mehr sei als nur eine Freundschaft. "Für mich war das ein Schlag ins Gesicht und eine kalte Dusche dazu", erinnert er sich. Sie hätten lange Gespräche über Homosexualität geführt, darüber, welche Lösungen möglich wären, ohne dass die Familie auseinander breche. Er sei für vieles offen gewesen, habe die Beziehung nicht einfach beenden wollen. Die ersten zwei Jahre nach dem Geständnis seien keine schlechte Zeit gewesen, denn seine Ex-Frau sei damals klar bisexuell gewesen. "Ich habe mich damit abgefunden, vor allem wegen den Kindern." Zudem habe sich seine Exfrau nicht als Homosexuelle geoutet, es sei eine Sache zwischen ihnen gewesen. "Ich glaube, meine Ex-Frau konnte diese Neigung erst leben, als ihre Eltern gestorben waren. Das war für sie eine Art Befreiung." Als seine Ex-Frau ihre zweite Freundin kennen lernte, forderte sie ihn auf, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. "Ich wollte nicht, dass die Kinder ihr gewohntes Umfeld verlieren, also bin ich ausgezogen." Seinen Kindern erklärte er, dass die Mama lieber mit einer Frau zusammen sein möchte, als mit dem Papa. "Von den Kindern kamen keine Fragen. Sie haben den Laden dicht gemacht, wollten nichts davon hören." Mühe hatte er damit, dass seine Ex-Frau ihr Umfeld nicht mehr bewusst wahrnahm, ihre Frauenbeziehungen in den Vordergrund stellte und darauf bestand: die Kinder gehören zu mir. "Sie hat die neuen Beziehungen sehr flatterhaft, emotional und impulsiv gelebt. Zweimal ist meine Ex-Frau wegen einer Beziehung umgezogen, die Kinder mussten zweimal die Schule wechseln Ich hatte nichts mehr zu sagen. Deshalb wollte ich nicht in die Scheidung einwilligen." Dass seine Frau sich für ein lesbisches Leben entschieden hat, kann Markus Roth akzeptieren. Wütend macht ihn, dass seine Frau das gemeinsame Sorgerecht strikt abgelehnt hat, und dass er diesbezüglich vor dem Gericht nie eine Chance hatte. "Für die sexuellen Neigungen meiner Frau kann ich wirklich nichts. Und trotzdem werde ich verurteilt, ich muss zahlen, mir und den Kindern wird vorgeschrieben, wann wir uns sehen dürfen. Und als Vater bin ich bei der Anmeldung in der Schule nicht einmal mehr aufgeführt."

Von der Ablehnung zum Vertrauen

Christian Gertsch ist Vorstandsmitglied der Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich (HAZ) und Koordinator der Arbeitsgruppe Schwuler Väter. Er hatte immer den innigen Wunsch, eine eigene Familie zu gründen. "Meine Neigungen und Bedürfnisse habe ich damals zu wenig gewichtet. Ich habe sie zur Seite gestellt, weil mir die Familie wichtiger war."
Vor der Geburt des dritten Kindes hatte Christian Gertsch sein Coming-out. Einerseits habe er sich endlich so akzeptiert, wie er sei. Auf der anderen Seite stehe aber der Verlust der Familie, das sei sehr schmerzhaft und traurig. Er betont, dass Schuldzuweisungen nicht förderlich sind und Vorwürfe wie: Du hast unsere Familie zerstört, nicht weiter führen. Wichtig sei, das Gemeinsame, das Verbindende zu suchen, wie zum Beispiel die Liebe zu den Kindern. Er schätze seine Ex-Frau nach wie vor als wichtige Person in seinem Leben. "Wir konnten uns auch in den schwierigen Zeiten mit Liebe und Respekt begegnen und wir haben auch heute noch eine tiefe und freundschaftliche Beziehung." Christian Gertsch sagt, dass die Zeit nach dem Coming-out auch von vielen Versuchen und Irrtümern geprägt gewesen sei, dass immer wieder darüber geredet wurde, wie viel Distanz notwendig und wie viel Nähe noch möglich sei. Seine Kinder sind jetzt zwölf, fünfzehn und achtzehn Jahre alt. Dass sie sich als Familie getrennt haben, sei für sie hart gewesen, sagt Christian Gertsch. Vom Sohn her sei zwischenzeitlich auch Ablehnung gewesen, er hätte Mühe gehabt mit der Tatsche, einen schwulen Vater zu haben. Zuerst sei da Ablehnung gewesen, sie hätten Mühe gehabt mit der Tatsache, dass sie einen schwulen Vater haben. "Das ist ganz natürlich. Doch die Ablehnung hat sich wieder in Vertrauen verwandelt."

Gegen aussen eine ganz normale Ehe

Regula Müller* ist seit siebzehn Jahren verheiratet und hat einen sechs Jahre alten Sohn. Während ihrer Ehe hat sie sich ab und zu in eine Frau verliebt, sie hat dann furchtbar gelitten, aber fremdgehen war für sie kein Thema. Dieses Verliebtsein nervte Regula Müller. Sie besprach das mit ihrer Trainerin, die sie in Neurolinguistischem Programmieren unterrichtete. "Plötzlich gab es das Lesbisch sein für mich als Möglichkeit. Dann habe ich mal ausprobiert, wie sich das mit einer Frau anfühlt." Ihre Freundin, mit der sie seit zwei Jahren zusammen ist, hat sie über das Internet kennen gelernt. Regula Müller hat sich nie als Lesbe geoutet. "Ich bin Abteilungsleiterin mit einem Team von dreizehn Damen. Das wäre nur noch ein Eiertanz.." Nach wie vor lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn im gleichen Haushalt. "Gegen aussen führen wir eine ganz normale Ehe. Das merkt doch keiner, dass wir nicht mehr miteinander schlafen." Eine Trennung kommt für sie - und auch für ihren Mann - nicht in Frage, denn für beide ist es wichtig, ihrem Sohn eine Familienstruktur zu geben und eine Erziehungsgemeinschaft zu sein.
"Mein Mann und meine Freundin verstehen sich bestens. Sie übernachtet auch bei uns. Das ist überhaupt kein Problem."

Lösungen sind möglich, doch das Tabu bleibt

In der Mehrheit der Fälle trennen sich die Ehepartner. Aber
viele schwule Partner oder lesbische Partnerinnen wollen ihre Familie erhalten. Und Frauen wie Männer nehmen dieses Opfer zugunsten der Familie oft auf sich. Wichtig ist, dass der schwule Partner bzw. die lesbische Partnerin die Ehe mitträgt und die homosexuellen Neigungen nicht total in den Vordergrund stellt. Wenn die heterosexuellen Betroffenen jedoch das Geheimnis wahren müssen , weil ihre Partner das offene Gespräch ablehnen, sind Kompromisse schwer zu finden. Die Situation sollte geklärt werden, damit Abmachungen getroffen und eingehalten werden können.
"Für sich selber können viele Paare eine individuelle Lösung finden, auch als Eltern, in der Familie und in der Nachbarschaft lernt man mit dem Thema umzugehen", weiss Folma Hoesch. Aber je grösser der Kreis werde - in der Firma, im Verein, in der Gemeinde - desto unberechenbarer seien die Reaktionen. "Und wenn man gar öffentlich redet, stellt man fest: Es ist immer noch ein Tabu."

Soll man mit den Kindern darüber reden?

"Wenn die homosexuellen Neigungen des Vaters oder der Mutter ein zentrales Thema für die Beziehung werden, wenn es zum Streit oder zur Trennung kommt, müssen die Eltern offen und vernünftig mit ihren Kindern darüber reden." sagt Folma Hoesch. Kinder jeden Alters belastet es sehr, wenn zwischen den Eltern starke Spannungen und Probleme bestehen, über die nicht gesprochen wird. Das kann grosse Ängste auslösen und von Schulschwierigkeiten bis zum Drogenkonsum schlimme Folgen haben.
Die sexuellen Differenzen der Eltern sind eigentlich kein Thema für die Kinder. Bei einer Trennung ist es für sie vor allem wichtig, dass die Eltern respektvoll und wenn möglich liebevoll miteinander umgehen, und sie brauchen die Sicherheit, dass Mutter und Vater sie weiter gern haben und ihre Eltern bleiben. "Wenn der Vater auszieht, gibt man kleinen Kindern am besten eine ehrliche aber simple Erklärung: z.B.: "Papa möchte jetzt mit seinem Freund zusammen leben ..." Wenn sie weitere Fragen stellen, gibt man ihnen darauf entsprechende Antworten. Jedenfalls sollte dieses Gespräch nicht allzu emotional werden. Die Verletzungen, der Zorn, die Trauer sind separate Gefühle. Die Kinder dürfen das wissen. Aber es sollte nicht alles auf einmal über sie hereinbrechen."
Grundsätzlich sollten Kinder in offenen familiären Gesprächen schrittweise aufgeklärt und dabei auch zur Toleranz gegenüber Homosexuellen erzogen werden. "Teenager wollen es vielleicht genauer wissen und sie fragen sich auch, wie sie ihre eigenen sexuellen Gefühle einschätzen können. Besonders Buben fragen sich, ob sie vielleicht selber schwul seien und woran sie das merken." Dazu brauchen sie offene Antworten, besonders vom Vater. Erwachsene Kinder stellen neue Fragen. Sie sind bereit die Geschichte der Eltern einfühlsam zu verstehen und die Spannungen, die darin liegen, mit auszuhalten. Auf keinen Fall sollten Kinder aber zu Mitwissern gemacht werden, die ein Familiengeheimnis hüten müssen. Mit den Kindern reden heisst deshalb auch mit der weiteren Familie, mit Freunden und Lehrern usw. reden. Folam Hoesch betont: "Sonst bleiben die Kinder mit dem schwierigen Thema allein, das letztlich doch immer alle Beteiligten überfordert, denn es zwingt sie sehr grosse Spannungen auszuhalten."

Literatur für Kinder: "Ganz schön aufgeklärt" von Jörg Müller, für Kinder vor der Pubertät.
"Gemischte Gefühle" von Joachim Braun und Beate Martin, für Jugendliche.

Begegnungstage und Erfahrungsaustausch

hetera bietet den Frauen einen telefonischen Erstkontakt an und lädt sie zu Begegnungstagen ein. Rund 200 Frauen aus der ganzen Schweiz und dem nahen Ausland kontaktieren hetera, ça 90 Betroffene sind zu Begegnungstagen gekommen. In Bern, Basel und Winterthur gibt es Selbsthilfegruppen. Sie sind offen für neue Mitglieder. Die Männergruppe hetero trifft sich alle sechs Wochen zum Erfahrungsaustausch. Bei hetera gibt es neu zwei Internet Gesprächs-Foren, eines für Partnerinnen und eines für jugendliche und erwachsene Kinder von schwulen Vätern und lesbischen Müttern.
Informationen zu hetera und hetero: www.hetera.ch
Informationen für schwule Väter und lesbische Mütter: www.haz.ch (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich)

Literatur: "Mein Mann liebt einen Mann", Bettina von Kleist.
"Und dann kamst du ... und ich liebte eine Frau", Sonja Schock