Zur Person
Anna, 70, Lehrerin und Therapeutin, drei erwachsene Söhne, drei Schwiegertöchter und vier Enkelkinder. Über 40 Jahre verheiratet, davon 17 Jahre zusammen und gut 24 Jahre getrennt. Vor vier Jahren starb mein Mann nach einem schweren Unfall und acht Monaten intensiver Pflege.

Eine Liebesgeschichte
1964 zog ich aus Norddeutschland für zwei Semester nach Zürich, um Vorlesungen über klassische deutsche Literatur zu hören. Wir lernten einander in einem Chorkonzert kennen, in dem er als Tenor mitwirkte, wir verliebten uns und hatten rasch das Gefühl zusammen zu gehören.

Die ersten Jahre der Ehe
Wir waren Studenten, lebten in einer frühen Form der WG, renovierten unsere erste Wohnung, heirateten und bekamen bald unser erstes Kind. Darüber waren wir sehr glücklich und zugleich war es eine grosse Herausforderung. Unsere Dissertationen waren nicht fertig, wir hatten beide noch kein Schlussexamen. Babybetreuung ausser Haus gab es praktisch noch nicht. Aber mit vollem Einsatz schafften wir unsere Abschlüsse, begannen unsere berufliche Arbeit und im Abstand von je zwei Jahren kamen zwei weitere Söhne zur Welt.
Mein Mann war abends oft lange im Labor. Als es einmal wieder sehr spät wurde, machte ich mir grosse Sorgen, es könne einen Unfall gegeben haben. Ich nahm ein Taxi und fuhr hin. Er war an seinem Platz und arbeitete. Aber er war gar nicht erfreut, dass ich kam. Er wurde sehr zornig und sagte, ich solle nie wieder mitten in der Nacht ins Labor kommen. - Daran habe ich mich gehalten. Wer hätte auch die drei kleinen Kinder hüten sollen, wenn ich öfter nachschauen gegangen wäre? Sein Beruf nahm ihn angeblich sehr in Anspruch, so war ich auch abends oft allein. Von seinem schwulen Leben ahnte ich nichts.
Wenn er da war, half er mir, wickelte die Kinder, brachte sie mit Gutenachtgeschichten und Schlafliedern ins Bett. Er war freundlich, so freundlich, dass ich ihn oft und immer öfter gefragt habe: "Wer bist du wirklich? Es kann doch nicht sein, dass du immer gleich gestimmt bist, immer freundlich!" Auf solche Fragen bekam ich keine Antwort. Ich suchte Offenheit, Vertrauen, wollte reden. Ich fragte. Aber jedes Mal schienen die Rollläden herunter zu rasseln. Ich zweifelte an mir selber, fand mich unmöglich und undankbar.
Unsere sexuelle Beziehung war normal, anfangs stürmisch und intensiv, während der Schwangerschaften entsprechend reduziert. Ich habe nie lange gestillt, so gingen wir bald auch wieder miteinander ins Bett. Mit den Jahren wurde es etwas ruhiger, es gab Wochen, da fühlte ich mich unbefriedigt. Aber es kam dann auch wieder anders. Mit meinem heutigen Wissen und nach der Erfahrung mit anderen Männern würde ich sagen, unsere sexuelle Beziehung hatte einen schönen, verliebten Anfang, aber sie hatte keine Chance sich wirklich weiter zu entwickeln. Wir sprachen wohl darüber, aber nicht besonders intensiv. Wir probierten nichts Neues, wir suchten nicht und so wuchs die Partnerschaft nicht weiter. Wir hatten drei kleine Kinder, da gerät in vielen Ehen die Sexualität eher an den Rand. Und ich habe mir deshalb auch nichts Besonderes dabei gedacht.

Das Coming out
Allerdings verliebte ich mich nach 11 Ehejahren kurz und heftig in einen anderen Mann, wir schliefen zwei Mal miteinander und ich war tief beeindruckt. Als ich von dieser Reise zurückkam, fragte mein Mann mich noch am gleichen Abend, ob ich schon einmal mit einem anderen Mann geschlafen hätte. Obwohl ich ein grosses Donnerwetter befürchtete, erzählte ich, was geschehen war. Nach einer kurzen Stille sagte mein Mann, er müsse mir auch etwas sagen. Er sei schwul, er habe vor und während unserer ganzen Ehe immer Kontakte mit Männern gehabt, immer nur kurz, und das sei überhaupt keine Konkurrenz zu unserer Ehe. Aber er brauche das.
Ich war fassungslos, schwankte zwischen Abscheu und Mitgefühl. Ich spürte, dass für ihn auch viel Leid in diesem Doppelleben steckte. Und ich erlebte vielleicht zum ersten Mal die Offenheit zwischen uns, die ich immer gesucht hatte. Zugleich brach eine Welt zusammen. Mein Mann wollte noch in dieser Nacht mit mir schlafen. Das war für mich unmöglich. Ich habe die Nacht auf dem Sofa verbracht und am anderen Tag darauf bestanden, dass wir getrennte Schlafplätze hatten. Als ich mich ein wenig gefangen hatte, bat ich ihn von seinem Leben als Schwuler zu erzählen. Aber er sagte kurz und bündig, dass er darüber nicht sprechen wolle.
Ich musste nach dem Coming Out meine ganze Liebes- und Ehegeschichte neu verstehen. Alles hatte plötzlich noch eine zweite Bedeutung. Warum war er oft so spät nach Hause gekommen? Warum war er nicht mit uns in die Ferien gefahren? Warum hatte er so wenig von sich gesprochen?

Lösungsversuche
Als erstes sprach ich mit einer Freundin über diese schreckliche Entdeckung. Sie hörte mir zu und sie hat mir geholfen Ehetherapeuten zu finden, zu denen wir nachher etwa ein Jahr lang gegangen sind. Es erscheint mir heute fast unglaublich, aber in dieser Therapie ist die Homosexualität nie Thema geworden, obwohl ich immer wieder sagte, dass sie unser eigentliches Problem sei. Gearbeitet wurde mit meinem "Leiden" an unserer Ehe, da mein Mann meinte, er habe keine Probleme, ausser dass ich so dominant und ungeduldig sei. So blieb mein Verhalten immer das Thema. Ich machte mir selber Vorwürfe und blieb mit meinen Gefühlen allein..
Später habe ich viele psychotherapeutische Erfahrungen gemacht, zuerst suchte ich Hilfe, dann machte ich selber therapeutische Ausbildungen und somit auch eine Lehranalyse und viel Selbsterfahrung. Es ist mir nie gelungen für meine Perspektive und meinen Schmerz als Partnerin eines schwulen Mannes wirklich Einfühlung und Hilfe zu finden. Wenn ich darüber sprach, stand immer zuerst die Toleranz gegenüber den diskriminierten Schwulen im Mittelpunkt. - Auch ich bin tolerant und mitfühlend gegenüber Homosexuellen. Dagegen konnte und wollte ich nichts sagen. Und schliesslich hiess es, untreue Ehemänner, Verlassenwerden, Trennungsschmerz.... das passiere vielen Frauen und Männern und es sei immer schwer. Wohl wahr! Doch für die spezifischen Themen fand ich kein Gehör: Was heisst es für mich als Frau, dass ich einen schwulen Partner habe? Wie lebe ich damit, dass ich 15 Jahre lang hintergangen wurde? Mit welchen Vorurteilen von anderen bin ich konfrontiert? Welche Selbstzweifel über meine eigene Sexualität und mich selbst als Partnerin habe ich. Wie berechtigt oder unberechtigt sind sie? Was heisst es mit einem Tabuthema zu leben?
Sechs lange Jahre versuchte ich eine Lösung zu finden, bei der wir die Familie zusammenhalten und doch jeder ein eigenes erfülltes Intimleben haben konnten. Manchmal schien es zu gelingen, dann wieder war ich verzweifelt. Für meinen Mann gab es da keine Fragen. Er wollte einfach, dass alles blieb, wie es war. Ein gepflegtes zu Hause mit Frau und Kindern, nach aussen eine intakte Familie, keine Fragen von Kollegen und Freunden.
Mein Mann hatte wenig Gefühl für meine Grenzen. Er war z.B. mit Strichern unterwegs gewesen und wollte danach übergangslos mit mir schlafen. Und ich musste darauf bestehen, dass er in meiner Abwesenheit keine Männer in unsere Wohnung brachte. Wir bauten ein Haus. Ich hoffte, dass wir mit mehr Platz mehr Luft zum Leben haben würden. Aber während der Bauphase zog er zum ersten Mal aus, um sein schwules Leben auszuprobieren, wie er sagte. Ich rotierte, sorgte für die Kinder, meinen Beruf und das Haus. Er kam zum Einzug wieder zurück und blieb noch drei Jahre.

Die Trennung
Während ich mit meinem ältesten Sohn eine lange USA Reise machte, verliebte er sich in eine Frau und zog aus. Zuerst wollte er die beiden jüngeren Kinder mitnehmen in die neue Beziehung, aber ich kämpfte darum, dass sie bei mir blieben. Er hatte immer noch einen hundertprozentigen Job, mein Leben war mit einer Teilzeitarbeit so eingerichtet, dass ich genügend Zeit für die Kinder hatte. Das sah er schliesslich ein, zumal er wusste, dass er bei einer Scheidung keine Chance auf das Sorgerecht hatte.
In meinem Innern wusste ich, dass diese Trennung richtig war. Die Beziehung zu der anderen Frau hat nur ein paar Monate bestanden. Danach lebte er allein. Er hat sich zu seinem Schwulsein bekannt, er organisierte Tagungen für Schwule und Lesben. Aber niemand durfte wissen, wie er wirklich lebte. So führte er weiter ein Doppelleben: nach aussen war er der offene Schwule, aber er fand nie einen Partner, mit dem er eine Volle Beziehung hätte leben können.
Wir hatten im Zusammenhang mit unseren Kindern regelmässig Kontakt, Familienfeste wurden gemeinsam gefeiert. Die Finanzen waren gut geregelt, nach anfänglichen Kämpfen hatte ich gelernt klare Forderungen zu stellen und zu begründen. Gerichtlich getrennt oder geschieden waren wir nicht. Ich habe mir das oft überlegt, aber ich traute den Richtern nicht. Würden sie ein hartes Urteil gegen meinen schwulen Partner fällen? Würden sie mir die Schuld geben? Würden sie die Regelungen, die wir getroffen hatten und die sich bewährten, wieder in Frage stellen? Würde es zwischen mir und meinem Mann zu emotionalen Kämpfen kommen? zu Lasten der Kinder?

Wie reden wir mit den Kindern?
Homosexualität war vor 30 Jahren noch ein Tabu. Solange wir noch zusammen lebten, wollte ich, dass mein Mann den Kindern von sich erzählt. Mir schien, nur so könnten sie verstehen, was er empfindet. Ich hätte immer nur aus meiner Perspektive und meiner Verletztheit heraus sprechen können. Er versprach auch, dass er mit ihnen reden wolle. Aber als ich eines Tages mit meinem dann 17jährigen ältesten Sohn darüber sprach, stellte ich fest, dass der keine Ahnung hatte. Und als einige Zeit später eine Zeitung im Büro auflag, in der mein Mann von seiner Arbeit für Schwulentagungen erzählte und mit Foto und vollem Namen unterschrieben hatte, da stellte sich heraus, dass er auch mit den jüngeren Kindern nicht gesprochen hatte. So erfuhren sie es alle zuerst von mir.

Sein Tod
Er war 69 Jahre alt, als er beim Kirschenpflücken von einer Leiter fiel und sich dabei schwer am Kopf verletzte. Vier Wochen Intensivstation, fast zwei Monate Reha, dann musste er in ein Pflegeheim gebracht werden, denn er erholte sich nicht wieder. Meine Söhne und ich, dazu einige gute Freunde aus seinem kirchlichen Umfeld besuchten ihn täglich. Er brauchte uns. Er konnte nicht mehr stehen und ohne Hilfe nicht essen. Er konnte fast nicht mehr sprechen, er wusste nicht wo und wer er war, was ihm gut tat und was nicht. - Für unsere Beziehung waren diese Monate, so verrückt das klingt, ein guter Abschluss. Wunderbarerweise schien er mit seiner Lage nicht zu hadern, er war gelassen und freundlich. Er wusste, dass er uns kannte, auch wenn er die Namen meistens nicht sagen konnte, und er lächelte, wenn wir kamen. So hatte ich es endlich mit einem Menschen zu tun, der kein Doppelleben mehr führte, er war nur noch er selber, ein liebenswürdiger alter Mensch, der Hilfe brauchte.
Erst in dieser Zeit und nach seinem Tod wurde aber auch in vollem Ausmass sichtbar, wie er als älter und alt werdender Mann in immer grössere Abhängigkeit von schwulen Liebhabern geraten war. Er hatte niemandem Vollmacht gegeben und keine Patientenverfügung geschrieben. Deshalb mussten wir ihn bevormunden lassen, um Entscheidungen für ihn treffen zu können und seine Rechnungen zu bezahlen. Er hatte immer wieder von der grossen Liebe geträumt. Er reiste seinen Liebhabern nach und versuchte ihre Sprachen zu lernen. Die jungen Männer waren jeweils ça 20 Jahre alt, sie brauchten und wollten Geld. Er bezahlte ihnen hohe Summen, er kaufte Wohnungen, finanzierte teure Ferien. Er wurde in seinem Haus und in den fremden Städten oft bestohlen und sogar nieder geschlagen. Für unsere Söhne und für mich waren diese Einsichten sehr bitter, denn sie zeigten uns den Teil seines Lebens, den er selber niemandem zeigen wollte, weil er nicht dazu stehen konnte.

Fazit
Die Ehe mit einem schwulen Partner ist sozusagen meine Lebensaufgabe geworden. Ich habe die Welt von einer Seite kennen gelernt, von der ich vorher fast nichts wusste. Mein Mann hat über sein Leben als Schwuler nie erzählen wollen. Aber ich habe Kontakt zu anderen schwulen und lesbischen Paaren gesucht und viel über ihr Leben und ihre Beziehungen gelernt. Ich habe Freunde und Freundinnen unter ihnen gefunden, sie zu uns eingeladen. So fanden auch meine Kinder eine entspannte Beziehung zu homosexuellen Menschen. Von ihrem Vater haben sie fast nichts darüber erfahren.
Dass er sich als schwul outete, war sozusagen nur ein Label, das von seinem Umfeld und der Gesellschaft akzeptiert wurde. Sein wirkliches Leben versteckte er dahinter. Für uns als Familie blieb ein grosser Spagat, die Zerrissenheit zwischen einem liebenswürdigen Menschen und dieser grossen Lebenslüge, in der er stecken blieb.

Die Selbsthilfegruppe
Zwanzig Jahre lang bin ich mit meiner Geschichte mehr oder weniger allein geblieben. Ich sprach darüber nur mit verlässlichen Freunden und der engsten Familie. Dann suchte ich endlich aktiv nach anderen betroffenen Frauen. Einer meiner Söhne und eine Freundin wiesen mich fast gleichzeitig auf ein Inserat für die erste schweizerische Selbsthilfegruppe in Uster hin, die Ende 1999 gegründet wurde. So traf ich zum ersten Mal andere betroffene Frauen und hörte, dass es ihnen sehr ähnlich erging wie mir. Das war und ist eine grosse Erleichterung.

Öffentlichkeitsarbeit
Wir erkannten rasch, dass ein grosser Teil unserer Probleme in der Tabuisierung bestand. Die Gesellschaft wollte und will nicht wahrnehmen, dass viele Schwule aus den unter-schiedlichsten Gründen heiraten. Jahre und Jahrzehnte lang führen viele dann ein Doppelleben, meist in der Stricherszene, in der viel Geld fliesst und ansteckende Krankheiten verbreitet werden, mit denen sich oft auch die Partnerinnen anstecken. Wir begannen die Arbeit für die Öffentlichkeit mit einer Homepage. Dazu mussten wir einen Namen finden: hetera.ch ist inzwischen weit herum bekannt. Das Design machten ein Sohn und seine Frau, beide Architekten. Wir Frauen schrieben unsere Geschichten auf, und planten offene Treffen für betroffene Frauen aus der ganzen Deutschschweiz. Daraus wurden inzwischen fast 40 Begegnungstage. Ein anderer Sohn ist bis heute unser Webmaster: www.hetera.ch war geboren. Ich schrieb Texte zu oft gestellten Fragen, hielt ab und zu Vorträge und veranstaltete Seminare. Aber wir stiessen auch oft auf Unverständnis und Ablehnung, blieben im Off., im Dunkel des gesellschaftlichen Bewusstseins. Therapeuten, Ärzte, Pfarrer sagen bis heute, dass sie noch nie Patienten, Ratsuchende getroffen hätten, die darüber sprechen wollten. Die betroffenen Frauen wagen also nichts zu sagen. Wir haben keine Lobby, weder in den zahlreichen Organisationen der Homosexuellen noch in der offiziellen Gesellschaft, im Mainstream.
Im Jahre 2006 gründeten wir eine Gesprächsgruppe für Partnerinnen schwuler Männer im Internet. Seither haben mehr als 2000 Frauen ihre Erfahrungen und Gefühle dort ausgetauscht. Für viele ist das zunächst der einzige Ort, wo sie offen sprechen und das Sprechen üben können. Nicht selten schreibt eine, das habe ihr das Leben gerettet. Die Adresse findet man auf der Homepage.