Zur Person
Donna, 37 Jahre, MPA, 16 Jahre Beziehung, 13 Jahre Ehe, geschieden, 2 Mädchen von 10 und 12
Jahren.

Ich war 21, Uomo 22 als wir uns kennenlernten. Für mich war sofort klar: der ist es. Wir zogen nach einem Jahr zusammen in ein kleines romantisches Hexenhäuschen und waren glücklich und bald war klar, dass wir heiraten wollten. Zwar gab es da schon von Anfang an einen Punkt in unserer Beziehung, der kritisch war: Bezüglich Sexualität lief es irgendwie nicht so, wie ich mir das vorstellte. Er hatte von Anfang an ziemliche Potenzprobleme. Aber da wir uns im übrigen so wunderbar verstanden und eine äusserst harmonische Beziehung hatten, hakte ich diese "Problemchen" als nebensächlich ab. Die Geschichte nahm seinen Lauf: Hochzeit, 1. Kind, 2. Kind. Er war ein guter Vater, der sich so viel wie möglich Zeit nahm für seine Kinder und mich immer auch unterstützte zu Hause. Ich glaube, wir galten in unserem Umkreis als Dream-Team.

Irgendwann vor einigen Jahren ist Uomo aus dem Militärdienst zurückgekehrt und erzählte mir von einem Mann, den er kennengelernt habe. Er glaube, so erzählte er mir, er habe einen Freund gefunden. Einige Monate später äusserte Uomo den Wunsch, Patrizio in der grossen Stadt zu besuchen. Ich föppelte ein wenig, doch eigentlich hatte ich nichts dagegen, denn es war mir längst aufgefallen, dass Uomo eigentlich sonst nur oberflächliche Beziehungen zu Männern pflegte, von seinen Jugendfreunden, war keiner, mit dem er ein vertrauliches Verhältnis hatte. So dachte ich, dass es ihm sicher gut tut, endlich einen Freund zu haben. Die Besuche bei Patrizio in der grossen Stadt wurden regelmässig und eines Tages äusserte Uomo den Wunsch, mit Patrizio in die Ferien nach Mykonos zu fahren. Ich fand nichts dabei, war ich doch auch schon ein, zwei Mal mit Freundinnen ein verlängertes Wochenende verreist. Von Mykonos zurück kam ein veränderter Mann. Ich hatte ihn nach seinen denkwürdigen Ferien gefragt, was da gelaufen sei. Nach längerem Bohren erzählte er mir, er habe dort mit einem Mann "etwas rumgemacht", aber dies sei vorbei und abgehakt. Dann wurde sein Verhalten verändert, er begann sich anders zu kleiden, anders zu bewegen. Die Spannung in unserer Beziehung wuchs. Uomo begehrte immer mehr Freiraum, wollte mehrmals unter der Woche weg, später immer häufiger an den Wochenenden. Sex hatten wir kaum noch. Wenn ich ihn fragte, was los sei und ob wir nicht besser in eine Ehetherapie gingen, bekam ich regelmässig eine Abfuhr. Manchmal dachte ich, er habe ein Verhältnis mit einer Frau, manchmal dachte ich, es könnte gerade so gut ein Mann sein. Dann, 2 Jahre nach Mykonos nahm ich ihn nochmals in die Zange. Und Uomo gestand, dass er angefangen habe, homosexuelle Beziehungen zu pflegen.

Als erstes war ich sehr erleichtert. Endlich fand ich bestätigt, was ich schon lange vermutet hatte. Ich lebte richtig auf. Doch zwei Monate später begann der grosse Absturz, als mir Patrizio erzählte, was in den letzten 2 bis 3 Jahren gelaufen ist. Ich bat darauf Uomo, unser gemeinsames Schlafzimmer zu verlassen und im Büro zu schlafen. Da war denn auch der Punkt, wo die Kinder wissen wollten, was los ist. Gemeinsam erklärten wir unseren Mädchen, dass sich unsere Beziehung verändert hatte, dass sich ihr Vater in einen Mann verliebt hatte und wir uns eventuell trennen würden. Sie waren natürlich sehr traurig.

Zur gleichen Zeit trat ich in Kontakt mit der Selbsthilfegruppe für Partnerinnen homosexueller Männer. Ich schöpfte sehr viel Kraft aus der Begegnung mit diesen Frauen und ich weiss wirklich nicht, wie ich diese Krise hätte bewältigen sollen, ohne diese Gruppe. Interessant für mich war nämlich, dass die Ehetherapeutin, an die ich mich nach Uomos coming-out wandte, mit meinem Problem völlig überfordert war und mir wirklich keine Hilfe anbieten konnte.

Irgendwie erwägten wir, wegen den Kindern unsere Beziehung im Sinne einer Wohngemeinschaft weiterzuführen. Uomo machte was er wollte und mir ging es immer schlechter. Ich nahm ab, ass kaum noch, schlief kaum noch.

Das war vor einem Jahr.

Am 1. Januar dieses Jahres sagte ich zu Uomo, dass ich es nicht aushalte so. Er solle sich eine Wohnung suchen. Es vergingen noch einige Monate, in denen er viel fort war. Eines Tages eröffnete er mir, dass er sich verliebt habe und dass es sehr ernst sei. Anfangs Frühling stellte ich ihm ein Ultimatum. Im Mai suchten wir einen Mediator auf, um unsere Angelegenheiten zur regeln. Anfangs Juni zog er bei uns aus und bei seinem neuen Freund ein.

In der Zwischenzeit ist unsere Scheidung rechtskräftig. Die Vereinbarungen werden bestens eingehalten und die Kinder freuen sich immer, ihren Vater in der Stadt besuchen zu dürfen. Zweifellos vermissen sie ihn. Ich habe eine Zeit mit vielen Tiefs, mit Depressionen und Verzweiflung hinter mir. Immer wieder kommen Situationen auf mich zu, die schwierig sind, mich an früher erinnern, als wir noch eine intakte Familie waren. Dann ist der Schmerz gross.

Was die Reaktion von Freunden und Verwandten betrifft, so sehe ich bis heute zwei Varianten: die einen zeigen viel Verständnis und sagen beispielsweise auch, sie hätten etwas von Uomos Neigungen geahnt; und von andern habe ich, seit es bekannt geworden ist, nichts mehr gehört, so auch von Uomos Mutter. Ich denke, dass das Thema Homosexualität auf dem Land, wo wir wohnen, eben schon mit vielen Vorurteilen behaftet ist und dass viele peinlich berührt sind. Natürlich gabıs ein Gerede im Dorf. Aber die Kinder sind bis heute nie irgendwelchen Anpöbeleien ausgesetzt gewesen. Ich denke, dass hat auch etwas mit der Offenheit zu tun, mit der wir über unsere Situation reden, wenn jemand etwas wissen will. Im Nachhinein könnte ich kaum sagen, wann ich den ersten Verdacht hegte, dass mit Uomo irgend etwas anders ist. Hinterher kommen mir Situationen in den Sinn, die in die Zeit vor unserer Hochzeit zurückliegen, wo ich mich fragte, ob Uomo eventuell homosexuelle Neigungen habe. Heute sagt mir Uomo auch, dass er eigentlich mich 16 schon gewusst habe, wieıs um ihn stehe. Aber eben, es war undenkbar, darüber zu reden: die Eltern, das Dorf wo er aufgewachsen ist, die katholische Erziehung...

Wie stehtıs heute? Wie gesagt, sind wir geschieden. Für mich ist dieser Punkt wichtig. Ich brauchte eine Form, um mein Leben neu einzurichten. Die Mädchen sind bei mir. Ich arbeite zu 70 %. Es ist anstrengend und eine ziemliche Belastung. Aber das haben andere alleinerziehende Mütter auch. Verarbeitet habe ich die Geschichte noch nicht. Doch habe ich das Gefühl, dass die Zeiten der Trauer, Rat- und Mutlosigkeit kürzer werden und dass die Lebensfreude allmählich zurückkommt. Uomo und ich telefonieren regelmässig und laden uns gegenseitig ab und zu ein oder treffen uns in der Stadt - auch mal ohne Kinder.