Jeanne, 29, Vater schwul
Suche
Noch immerbin ich auf der Suche, nach meinem Vater, nach einer Beziehung zu ihm, nach Nähe. Wohl war er physisch immer anwesend, doch das täuschte mich nur über seine tatsächliche innere Abwesenheit hinweg.

Ungewissheit, Dämmerung
Viel Unausgesprochenes, wie ein Fluch über der ganzen Familie, deutlich spürbar. Dank Psychotherapie bekam und bekomme ich einige klare Bilder aus meinem Innersten, doch bleibt vieles noch diffus, nur eine Ahnung. Hatte die (heute noch) versteckte Homosexualität meines Vaters negative Auswirkungen auf meine weibliche Entwicklung? Hat der hin und wieder auftretende Kloss in meinem Hals etwas mit der ganzen Verheimlichung, Tabuisierung zu tun? Wie kann ich meinen Vater aus seinem Elfenbeinturm befreien? Kann ich es überhaupt? Muss ich es überhaupt? Oder darf ich es auf gar keinen Fall?

Mitgefühl, Verständnis
Zu lange brachte ich ihm und auch meiner Mutter immer wieder Verständnis entgegen. Sie waren mit ihrer Heirat beide ungewollt in eine schwierige Situation geraten; beide Opfer des Schicksals. Die damalige Zeit duldete keine Schwulen in ihrem Sozialgefüge.

Mutter und Brüder
Meine Mutter war der Situation nicht gewachsen, schluckte ihre Nöte hinunter bis zum Eclat: Nervenzusammenbruch, ein Schock für alle! Seit damals ist sie von Psychopharmaka abhängig, glaubt nicht, daran etwas ändern zu können. Ich war acht Jahre alt, meine Brüder drei und elf. Sie beide gingen und gehen anders mit der Problematik um als ich - ich würde sagen, sie gehen damit gar nicht um. Ich respektiere das.

Einsamkeit, Verlassenheit
So wuchs ich von allen meinen "Allernächsten" und "Allerliebsten" innerlich verlassen auf, lernte schnell, für mich selber zu sorgen und versuchte trotz allem, immer wieder so etwas wie Familie herzustellen. Bis auch ich an die Grenzen meiner Belastbarkeit kam.

Ablösung
Nach einem missglückten Versuch, mit meiner Mutter eine Art Gesprächsbasis aufzubauen, schaffte ich es dank meiner Therapeutin, allen vieren den Rücken zu kehren. Ich kappte beinahe jede Verbindung und fühlte mich unendlich erlöst, entlastet, frei. Jetzt war Zeit für mich, für mein Wohlbefinden, meine Genesung.

Erneute Annäherung
Nach zwei Jahren versuchte ich eine behutsame Annäherung. Ich begann meinem Vater Briefe zu schreiben. Er schrieb überraschend offen zurück, schrieb auch über Gefühle, doch er schwieg dabei beharrlich über das "wichtigste" Thema. Das versetzte mich abermals in Schock, Traurigkeit und Verzweiflung.

Heute
Nun sind nochmals zwei Jahre verstrichen und ich werde bald 30. Ich fühle mich gut dabei und spüre, wie ich reifer werde, endlich bereit bin, erwachsen zu sein, Boden unter den Füssen bekomme, Wurzeln schlage für mich, meinen Partner, mein Leben. Ich habe den Kontakt zu meiner Familie wieder aufgenommen, doch lasse ich nur soviel zu, wie ich ertragen kann; zeitliche und örtliche Distanz helfen mir. Ich kann nun besser unterscheiden zwischen eigenen und fremden Problemen und habe gelernt, dass man Menschen, die einem nicht gut tun - auch wenn es die nächsten Verwandten sind - auch mal innerlich anklagen oder beschimpfen darf und dass man sich gegebenenfalls von ihnen distanzieren muss. Doch ich spüre, meine Seele verlangt nach mehr Klarheit.

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