Zur Person
Maria, 35 Jahre, Familienfrau und Religionslehrerin, getrennt lebend, 12 Jahre verheiratet, ein sechsjähriger Sohn

Vorgeschichte
Als Teenager lernten wir uns 1982 in einer kirchlichen Jugendgruppe kennen. Sechs Jahre später nahmen Gianni und ich den christlichen Eheweg unter die Füsse. Unser Umfeld erlebte uns als "Vorzeige-Ehepaar", unsere Freizeit war mit kirchlichem Engagement erfüllt. Die ersten vier Ehejahre hielt ich meinem Mann hingebungsvoll den Rücken frei, damit er die Karriereleiter hochklettern konnte. Finanziell ging es uns immer besser. In jener Zeit schlich sich die innere Vereinsamung bei mir ein. Als Frau fühlte ich mich nicht wahrgenommen. Intimität wie auch kleine zärtliche Zeichen im Alltag vermisste ich schmerzlich. Nach dem Tod seines Vaters vergrub sich Gianni in der Arbeit. Jeder von uns begann, sein eigenes Leben zu leben. Eine Asienrundreise sollte die Zweisamkeit vertiefen und unsere angespannte Situation lockern. Mit Erfolg, im selben Jahr wurde ich schwanger. Nach sechs Ehejahren wurde unser Wunschkind geboren. Wir waren selig. Die Ernüchterung folgte bald. Unser Sohn war knapp einen Monat alt, als mir klar wurde, dass es ein Fehler war, mit diesem Mann eine Familie zu gründen. Meine Erkenntnis basierte auf einer mir unerklärlichen emotionalen Wahrnehmung.

Aufdeckung der Neigung des Partners
Gianni begann sich hinter seinen Terminen einzumauern. Er veränderte sein Äusseres grundlegend. Sein Umgangston wurde roh. Schrittweise zog er sich von unsren christlichen Werten und kirchlichen Aktivitäten zurück. Schon längst organisierte ich meinen Alltag mit Kind ohne grosse Rücksicht auf den meist abwesenden Partner. Statt Offenheit regierten Streit und Vorwürfe. Meine Versuche, die Ehe zu retten, scheiterten. Gianni blockte ab. Eine Eheberatung konnte er sich nicht vorstellen. Bitterkeit und Hass stiegen in mir auf. Mein Körper reagierte mit psychosomatisch bedingten Krankheiten. Ich ertrug Giannis Nähe nicht mehr. In mir wuchs die Gewissheit, dass er mich mit Männern hintergeht. Es dauerte ein Jahr, bis ich mir vollkommen sicher war. Der Gedanke, dass mein Mann Männer liebt, traf mich mitten ins Herz. Wenige Tage vor unserem zehnten Hochzeitstag sprach ich Gianni gegenüber meine Vermutung aus. Unter Tränen rückte er mit der Wahrheit heraus. Die Klarheit wirkte befreiend und zugleich auch schmerzlich. Bei einer kirchlichen Beratungsstelle suchte ich Begleitung. Bald merkte ich, dass diese Art der Betreuung nicht mein Weg war.

Neue Lebensformen
Wir einigten uns auf eine Wohngemeinschaft, in der jeder sein Zimmer hatte. Diese neue Form des Zusammenlebens verwirrte unser Kind. Ein Jahr lang hielt ich durch. Die Situation wurde untragbar für mich. Unsere unterschiedlichen Lebensstile passten nicht mehr zusammen. Als Gianni seinen Traummann kennenlernte, war für mich die Zeit der Trennung gekommen. Er zog bei uns aus und bei seinem Freund ein.

Reaktionen von Aussen
Vorsichtig wog ich ab, wem ich was und wie viel anvertraute. Weder im Familien- noch im Freundeskreis stiessen wir auf offen gezeigte Ablehnung. Die Bandbreite der Reaktionen reichte von Bestürzung bis Bestätigung der Vermutungen. Durch einen Zeitungsbericht erfuhr ich von der Selbsthilfegruppe "Mein Mann liebt Männer". In dieser Frauengruppe fühlte ich mich von Anfang an wohl.

Persönliche Lösung
Unsere neue Realität habe ich in mein Leben aufgenommen. Zum Trennungsschmerz, den vor allem unser Sohn stark empfindet, gesellt sich das Tabuthema. Den Alltag als Einelternfamilie erlebe ich streckenweise als Gratwanderung. Unser Kind leidet unter der Trennung und wartet sehnsüchtig auf das "Papa-Wochenende". Zu Papašs Freund hat er einen herzlichen Kontakt aufgebaut. Auch ich begegne ihm kollegial und habe meinen "Nachfolger" schon als "Babysitter" engagiert.
Durch Giannišs Homosexualität fallen wir aus dem üblichen Rahmen: Vater­Mutter­ Kind. "Ich habe "fast" zwei Papas!", verkündete unser Sohn im Kindergarten. Beim Elterngespräch mit der Kindergärtnerin erwartete uns Offenheit und Verständnis. Diese einfühlsame Art bedeutet für mich ein Stück wertvolle Begleitung auf unserem Weg.

Die Tatsache, mit einen homosexuellen Mann eine Familie gegründet zu haben, ist ein Teil meiner Biografie. Auf dem felsigen Grund des Schmerzes, habe ich meinen Weg aus der Bitterkeit und Angst herausgefunden. Ich blühe auf und blicke zuversichtlich vorwärts.