Mirjam

Zur Person
Mirjam, 42, Hausfrau, Teilzeitarbeiterin, 16 Jahre verheiratet, 3 Jahre getrennt, seit 2 Jahren geschieden, 2 Kinder Simon 17 und Jessi 13 Jahre, seit 1 Jahren wieder verliebt und glücklich mit Justin.

Aus Freundschaft wurde Liebe
Nun sassen wir also zu sechst am Tisch und spielten nach einem gemütlichen Essen 11eraus. Dani, den ich schon seit Geburt kannte, sass mir gegenüber. Wir lachten viel, wie schon immer in all den Jahren zuvor. Plötzlich konnte ich ihm nicht mehr ohne komisches Gefühl in die Augen sehen. Was war passiert? Ich hatte mich in ihn verliebt und zwar unsterblich,genau einen Monat vor meinem 21. Geburtstag. Er gestand mir, dass ich seine erste Frau war. Es habe halt bis jetzt nie geklappt, obwohl es sich sehr bemüht habe. Doch er war glücklich nun endlich mit fast 21 eine Freundin zu haben.

So begann eine schöne, gute Zeit. Wir sahen und liebten uns viel, nur manchmal brauchte er Zeit für sich, weil ich doch etwas zuviel sei, o.k. ich verstand das schon!

Die erschreckende Wahrheit
Zwei Jahre später zog er bei mir ein und wir heirateten 1983. Ich war ja so glücklich, dass ich manchmal Angst hatte, es könne nicht immer so bleiben. Meine Angst bewahrheitete sich leider viel zu schnell! An Silvester 84 musste mein Mann ins Spital, wegen einer Darmfistel. Ich besuchte ihn und er meinte, ich soll mich doch mal hinsetzen, er müsse mir etwas wichtiges beichten. So erfuhr ich, dass er schon seit Jahren sexuelle Kontakte zu Männer hatte und immer noch habe. Dabei wurde er mit Syphilis angesteckt. Nun müsse ich auch zur Kontrolle zum Hautarzt, weil ich wohl auch infiziert worden sei. Ich spürte, wie meine Welt sich zu drehen begann, mir den Boden unter den Füssen weggezogen wurde und ich die sechs Stockwerke des Spitals hinunterfiel. Wie von Sinnen rannte ich nach draussen. Was war geschehen? Mein geliebter Mann hatte mich immer mit Männern betrogen! Was bin ich denn? Bin ich nun krank? Unter Schock ging ich zum meinem kleinen, neunmonatigen Sohn, der bei meiner Mutter war. Ich wollte schreien, stampfen, weinen, fluchen, doch mir wurde sofort klar, dass ich mit diesem Wissen allein leben musste. Da man ja nicht über schwule Ehemänner reden konnte. Zu Hause liess ich meinen Gefühlen freien Lauf und weinte mich aus. Am nächsten Tag musste ich einfach ein Kleid anziehen, um mir zu beweisen, dass ich eine Frau bin und es war mir klar, dass jetzt ein anderes Leben beginnen würde.

Dani beteuerte mir, dass er nur mich liebe und er unbedingt bei mir und Simon bleiben wolle. So suchten wir einen Paartherapeuten auf, um über uns zu reden. Doch viel brachte es nicht.
( Zum Glück konnte die Krankheit schon im Anfangsstadium gestoppt werden. )

Mein Mann war viel im Ausland und jedesmal litt ich sehr an der Ungewissheit, was er wieder erlebe in Amerika oder sonstwo.

Die glückliche Zeit
Zwei Jahre später wurde ich wieder schwanger, aber verlor dann das Kind Ende des vierten Monats. Es war sehr hart für mich und ich kämpfte mit mir und suchte einen neuen Lebenssinn. So beschloss ich, Dani zu vertrauen, da ich sonst nicht mehr weiter so mit ihm leben konnte, denn ich liebte ihn immer noch. Danach folgte eine sehr schöne Zeit für sieben Jahre. Unsere Tochter Jessi wurde 1988 geboren. Alle waren wir sehr glücklich und so entschieden wir uns eine Haus zu bauen. Alles klappte sehr gut und wir zogen 1992 ein.

Das Leben mit dem “Wissen³
Zirka ein Jahr später merkte ich, dass mein Mann sich immer mehr von uns zurückzog. Ich sprach ihn darauf an und erfuhr, dass er wieder schwer mit seinem zweiten Ich zu kämpfen hatte. So beschlossen wir, dass er wieder seine sexuellen Neigungen ausleben könne und ich wollte probieren mit dieser Situation leben zu können. Es war, wie wenn man ein Tier aus einem Käfig lassen würde! Er flippte völlig aus! Jeden Freitag- und Samstagabend nach dem die Kinder im Bett waren, zog er seine “Lederhaut³ an und verliess mich. Ich litt unglaublich und weinte die halbe Nacht. Um Sechsuhrfrüh kam er dann zurück und erzählte mir jede Einzelheit seines Abends. So ging es ein Weile und immer wieder drängte er mich auch auszugehen und zu geniessen. Ich hatte Mühe damit, bis ich einen Mann kennenlernte, der mir das Gefühl zurückgab eine Frau zu sein. Irgendwie prägte das nun meine Alltag und ich begann innerlich zu kämpfen. All die Jahre hindurch hoffte ich irgendwo jemanden zu finden, der auch mit einem bisexuellen Mann verheiratet ist.

Die Selbsthilfegruppe
Januar 96 sah ich eine Annonce in einer Zeitung für eine Selbsthilfegruppe *Hilfe mein Mann liebt einen Mann* Ich war richtig happy, als mich meine Freundin, sie war die Einzige, die ich seit sechs Jahren informiert hatte, darauf hinwies. Sofort meldete ich mich und konnte es kaum erwarten jemanden kennenzulernen, die auch das gleiche Problem hatten und war nun sicher ,dass ich nicht die Einzige bin.

Zu sechst trafen wir uns und jede hatte Angst, dass etwas nach aussen dringen könnte und alle beteuerten, dass sie den liebsten und besten Mann hätten. Nur mal reden, dass war wirklich schön. Doch so langsam veränderte sich die Einstellung den Ehemännern gegenüber und wir Frauen merkten, dass wir nicht alles so hinnehmen mussten. So bestärkten wir uns gegenseitig zu handeln und uns zu wehren. AIDS war auch ein Thema, zwei der Ehemänner waren betroffen. Dies wollte ich auf gar keinen Fall. So beschlossen Dani und ich nur noch geschützt miteinander zu schlafen.

Dani besuchte nun auch eine Gruppe von schwulen Vätern. Manchmal war ich total wütend, über die Einstellungen der Männer uns Frauen gegenüber und so gab es auch manche hitzige Diskussionen. Er lebte immer mehr in seiner Welt und veränderte nach und nach seine Aeusseres und Inneres. Und mit der Zeit erkannte ich nur noch schwer den Mann, den ich einmal geheiratet hatte. Trotzdem liebte ich ihn immer noch und wollte ihn nicht aufgeben, doch wo war ich und meine Bedürfnisse?

Das Comingout
Seinen 37 Geburtstag ( 1996 )verbrachte Dani mit Kollegen in Amsterdam. Die Kinder und ich holten ihn am Flughafen ab. Er küsste zum Abschied die Männer auf den Mund. Grosses Erstaunen bei den Kindern und die Frage, warum? Nun war die Zeit gekommen es ihnen zu sagen. Wir setzen uns zu Hause an den Küchentisch und Dani gestand den Kindern, dass er auch Männer begehre. Stille, dann Tränen bei Jessi worauf sie in ihr Zimmer rannte. Simon sass nur da und meinte dann: “Warum hat er dich dann geheiratet?³ Nun war es raus und zog natürlich seine Kreise. Endlich durfte ich ehrlich sein zu meine Nächsten und meine Tränen nicht nur im Verborgenen weinen. Eltern, Geschwister und Freunde wurden informiert. Betroffenheit, Verständnis und Unverständnis bis hin zu Mitleid kam auf uns zu.

Die Trennung
Ich spürte immer mehr, wie ich mich von Dani entfernte. Ich konnte nicht mehr schlafen neben ihm, seine Nähe erdrückte mich. Nach einem sehr mühsamen Jahr mit viel Aerger und Wut, meinte mein Sohn: “ Es ist an der Zeit, dass Daddy auszieht!³ Das war mein Stichwort und ich trennte sofort unsere Schlafzimmer. Dani war total geschockt und er glaubte nicht, dass es mir ernst damit war. Die ersten Nächte ohne ihn fielen mir sehr schwer, doch ich wusste, dass das der einzige Weg war, um wenigstens unsere Freundschaft zu retten.. Jeder von uns sollte die Möglichkeit erhalten ein neues Leben beginnen zu können. Ich wollte wieder in den Spiegel schauen, um mein wahres Ich zu sehen. Zwei Monate später, zog er aus, kam aber noch sehr viel vorbei. Es ging gut so, doch fühlte ich mich nicht so recht frei. Ein Jahr nach unserer Trennung reichte ich die Scheidung ein. Im Februar 99 wurden wir glücklich geschieden.

Der Neubeginn
Erst nach einem heftigen Streit im Sommer konnte ich mich nun auch innerlich von ihm lösen. Mit einem freien Herzen sieht man auch besser und so konnte ich mich wieder verlieben. Justin und ich geniessen jetzt unser zweites Glück und mit den Kindern bilden wir vier eine neue, glückliche Familie. Dani ist ein sehr guter und gerngesehener Freund von uns allen. Er hat nun auch sein Leben in den Griff bekommen und es geht ihm gut. Ich bin froh, dass ich all diese Kämpfe durchgestanden habe und beide nochmals ein neues, glückliches Leben beginnen konnten. Wir hatten zwanzig gute Jahre zusammen, nun folgen die nächsten, die wieder ein neues Kapitel in unser Lebensbuch schreiben werden.