Selma & Dani

Zur Person
Lehrerin, Familienfrau, seit 12 J. verheiratet, 3 Kinder: 7J, 11J ,12J

Der Beginn einer Liebes- und Beziehungsgeschichte
Unsere Geschichte beginnt wie so manche Liebes- und Beziehungsgeschichte: Unsere Liebe und Leidenschaft ist gross, viele gemeinsame Träume und Pläne. Dani erzählt mir seine sexuelle Vorgeschichte: seine ersten sexuellen Kontakte mit Jungen in seinem Alter in einem Internat, Verliebtheit in andere Männer, noch keine sexuelle Beziehung zu Frauen. Ich mache mir keine Sorgen. Im Gegenteil, diese Geschichte ist vorbei, jetzt beginnt unsere.

Die erste Krise
Wir heiraten. Bald kommt unser erstes Kind zur Welt, wir ziehen in ein eigenes Haus. Dani kann sein Arbeitspensum reduzieren, sodass es auch für mich möglich wird, meinem Beruf nachzugehen. Wir sind beide glücklich. Nach der Geburt des zweiten Kindes, zwei Jahre später aber durchleben wir unsere erste grosse Krise: Dani verliebt sich in einen Arbeitskollegen. Seine Gefühle werden nicht erwidert und es passiert eigentlich nichts. Trotzdem, für mich bricht eine Welt zusammen. Ich fühle mich allein, kann mit kaum jemandem über meine Sorgen reden und bin auch mit den zwei kleinen Kindern gefordert. Dani versteht meine überreaktionen nicht, es ist ja nichts passiert. Mit der Zeit tritt dieses Thema in den Hintergrund, und obwohl es beide immer wieder beschäftigt, getrauen wir uns längere Zeit nicht, miteinander darüber zu sprechen.

Bisexualität ­ ein Tabu
Zwei Jahre nach der Geburt unseres dritten Kindes, plagen mich immer mehr diffuse Magenbeschwerden. Medizinisch ist alles in Ordnung, bei einem Arztbesuch jedoch platzen alle meine Sorgen bezüglich Danis Bisexualität heraus. Für mich eine Befreiung, für Dani ein Schock. Nie würde er mir seine Sorgen bezüglich seiner Bisexualität mitteilen können, zu gross wären meine Ängste. So besucht Dani ab und zu heimlich eine Schwulensauna bis er sich dort, fünf Jahre nach unserer ersten Krise, in einen Mann verliebt und dieser seine Gefühle auch erwidert.

Für Dani beginnt eine schlimme Zeit, er zieht sich immer mehr zurück, trifft sich heimlich mit seinem Freund, verstrickt sich in Lügen und hat auch Probleme mit mir zu schlafen. Ich mache mir natürlich auch Sorgen, denke zuerst, Dani stehe im Job unter Druck, ich versuche ihn zu schonen. Auf meine Anfrage, ob seine sexuellen Probleme mit seiner Bisexualität zu tun hätten, verneint er zunächst noch. Bis nach einem halben Jahr sein Geständnis kommt.

Die zweite Krise
Für mich bricht ein zweites Mal eine Welt zusammen. Dani möchte mich nicht verlassen, aber wir spüren beide, dass wir es diesmal alleine nicht schaffen. Wir holen uns therapeutische Unterstützung in Einzel- und Paarsitzungen. Das nächste halbe Jahr schwanken wir zwischen Tiefs und Hochs. Einmal spüren wir eine grosse Nähe und auch intensive Sexualität, dann wieder ein Auseinandergehen und Fremde. Für mich ist es eine der intensivsten Zeit in meinem Leben. Ich muss für mich im Klaren werden, was ich brauche, was wichtig für mich ist und auch was ich nicht will. Auch Dani muss sich intensiv mit sich auseinandersetzen und trennt sich in einem schmerzhaften Prozess von seinem Freund.

Bisexualität ­ ein Thema, über das wir heute reden
Heute, ein Jahr später ist für uns Bisexualtät kein Tabuthema mehr. Wir reden darüber, teilen uns mit, leiden manchmal auch, versuchen aber auch, uns nicht vom Thema erdrücken zu lassen.

Anfänglich besucht Dani einmal im Monat eine Schwulensauna, später weniger häufig. Für mich sind diese Besuche immer noch nicht einfach zu ertragen. Ich verstehe aber, dass Dani Kontakte zu schwulen und bisexuellen Männern braucht, um so die Möglichkeit zu haben, mit Menschen, die ihn verstehen, offen über seine Situation reden zu können. Ähnlich betroffene Menschen lernt Dani immer wieder über den Schwulenchat kennen, mit welchen er sich auch ab und zu trifft. Dank Danis Ehrlichkeit und Offenheit auch mir gegenüber gewinne ich das Vertrauen in ihn und unsere Beziehung zurück.

Ich persönlich treffe mich gelegentlich mit einer Frau, die wie ich mit ihrem bisexuellen Mann zusammenlebt. Ich schätze diese Treffen immer sehr, da ich sonst kaum Gelegenheit habe, über ein Tabuthema zu reden, das mich doch sehr beschäftigt. Unsere Eltern und Kinder haben wir nicht in "unser" Thema eingeweiht. Die Eltern würden Dani und vielleicht auch mein Verhalten kaum verstehen, zu sehr sind unsere Lebensweisen und Konfliktbewältigungsmuster verschieden. Unsere Kinder haben miterlebt, dass wir schwierige Zeiten miteinander erlebt haben und uns auch angestrengt haben, diese zu bewältigen. Bisexualtät war bis jetzt noch kein Thema, wohl auch, weil wir sie jetzt in ihrem Alter nicht damit belasten möchten.