Zur Person
Valentina,35 Jahre, Familienfrau, Sozialpädagogin, 10 Jahre verheiratet, 3 Kinder 9 , 7, 4 Jahre, getrennt lebend

Vorgeschichte
Da stand er, mit seinen wunderschönen Augen. So einen Mann hatte ich mir gewünscht. Und ich konnte mir vorstellen mit ihm eine Familie zu gründen. Ich war 22 J. alt und von dem Moment an waren wir beide verliebt. Wir hatten viele gemeinsame Interessen. Von den Typen her jedoch unterschiedlich oder ergänzend.
Drei Jahre später haben wir geheiratet und nach einem Jahr kam unser erstes Kind zur Welt. Nach zwei weiteren Jahren das Zweite. Wir waren glücklich , die Welt in Ordnung. Er fing an Karriere zu machen, ich hielt ihm den Rücken frei. Dadurch war ich oft mit den Kindern alleine.
Die nächsten drei Jahre waren geprägt von viel Arbeit mit den kleinen Kindern . Zudem wohnte noch ein Teenager bei uns. Ein offenes Haus zu haben , war für uns sehr wichtig. Aber ich spürte auch, das mein Mann "etwas" wälzte, etwas unnahbares. Doch immer wieder habe ich es mit der Arbeit entschuldigt. Unsere Sexualität fing an zu stagnieren. Eine Krise ? Wir erholen uns wieder, sagte ich mir, wenn der Stress nicht mehr so gross ist. Aber das ich oft mehr Sex wollte als er, war etwas seltsam. Manchmal zweifelte ich an mir.
Eine grosse Veränderung kam mit der Geburt des dritten Kindes. Kurz vorher wechselte mein Mann in eine leitende Stellung und wir zogen auch noch um. Da war ich nun, den ganzen Tag alleine mit den drei kleinen Kindern, eine neue Umgebung, eigentlich war alles zuviel. Zudem spürte ich , dass mein Mann ein Problem hat. Unsere Sexualität stagnierte entgültig. Darauf angesprochen reagierte er mit Ausreden. Vieles stimmte für mich nicht mehr. Ich zweifelte oft an mir. Aber ich wusste auch; eines Tages werde ich den Dingen auf den Grund gehen. Jetzt hatte ich einfach zuwenig Kraft.

Aufdecken seiner Homosexualität
Inzwischen waren wir neun Jahre verheiratet, als ich darauf bestand zu reden. Wir hatten einen furchtbaren Krach , vor allem wegen Finanzen. Durch diese Auseinandersetzung erwachte ich und zwei Monate später entdeckte ich zufällig unter einem Heft, das Bild eines nackten Mannes. Das war der Mosaikstein der mir gefehlt hatte. Jetzt ging vieles auf. Meine Fragen, die undefinierbaren Gefühle, seine Unlust auf Sex, das mich nicht an sich heran lassen. Einerseits war ich wahnsinnig froh das Problem auf dem Tisch zu haben. Anderseits war ich total enttäuscht, ich hatte ihm vertraut. Ich fühlte mich in meinem Vertrauen total missbraucht. Etwas wurde mir auch klar: meine Gefühle waren richtig gewesen.

Neue Lebensform
Wir redeten miteinander und wollten zusammen bleiben, vor allem wegen der Kinder. Mein Mann sagte mir in diesen Gesprächen, dass er sein Schwulsein seid drei Jahren auslebt und vorher punktuell ausprobiert hat. Erste Anzeichen habe er zwischen dem ersten und dem zweiten Kind gespürt.
Es folgte ein halbes Jahr voller Hochs und Tiefs. Ich holte mir Hilfe bei einer Therapeutin, fühlte mich aber trotzdem sehr alleine. Ich wusste und kannte niemanden mit dem gleichen Problem. Erzählen konnte ich es vorerst nur einer Freundin. Nach ein paar Monaten traf ich, dank einem Inserat, auf eine Selbsthilfegruppe. Endlich war ich nicht mehr alleine und ich lernte Worte zu finden.
finden. In der Zwischenzeit merkten mein Mann und ich, dass wir es ohne Hilfe doch nicht schaffen würden. Wir suchten einen Paartherapeuten. Mein Mann wollte einen schwulen Therapeuten, den fanden wir auch. Es war hilfreich.

Etwa ein halbes Jahr nach seinem Coming-out merkte ich, dass ich sein Schwulsein akzeptieren konnte. Jetzt wollte ich auch in den Ausgang. Damit erlebte ich mich als Frau ganz neu. Ich erlebte Schmetterlinge im Bauch, Sexualität und wusste , darauf werde ich nicht mehr verzichten. Dies wiederum war schwierig für meinen Mann. Im Kopf hatten wir vieles durchdiskutiert und abgemacht. Er erzählte mir viel vom Schwulsein und mich interessierte es. Es war für uns klar, dass wir immer mehr offen dazu stehen wollten und auch unsere Kinder informieren werden. Aber jetzt war nicht so sehr der Kopf angesprochen, unsere Gefühle wurden durchgeschüttelt. Es gab Spannungen, Auseinandersetzungen. Einige Zeit habe ich diese Spannungen mitgemacht, immer mit dem Willen, das schaffen wir. Als wir wieder einmal eine schwierige Auseinandersetzung hatten, realisierte ich mit einem Mal: das geht nicht mehr. In dem Moment ist mein Kartenhaus zusammengefallen. Ich hatte alles für die Familie aufgegeben. Den Beruf an den Nagel gehängt. Und jetzt? Ich sah nur noch einen riesigen Scherbenhaufen. Es war grauenvoll und sehr hart für mich zu akzeptieren, dass mir die Situation zu viel wurde. Ich wollte aber auch nicht, dass wir eines Tages nicht mehr miteinander reden könnten. Das nur noch Hass übrigbleibt. Wir hatten drei Kinder miteinander und auch gute Zeiten erlebt.

Persönliche Lösung
Ich teilte meinem Mann mit, dass ich nicht mehr weitermachen will, sondern dass er ausziehen soll. Er ist aus allen Wolken gefallen. Nach einigen Tagen war er einverstanden mit der Trennung. Es ging alles sehr schnell, zwei Wochen später ist er ausgezogen. Vieles machten wir miteinander ab oder holten uns Hilfe bei einer Beratungsstelle. Vom Moment an wie er ausgezogen ist, waren die Spannungen weg. Diese zermürbenden, quälenden Spannungen. Heute ein halbes Jahr nach der Trennung sind wir auf gutem Weg eine neue Art von Beziehung zu finden. Wir sehen uns zwei bis drei Mal pro Woche wegen der Kinderbetreuung. Ich erlebe viel mehr von dieser Offenheit, die ich mir immer wünschte. Unsere Kinder wissen nun auch das ihr Vater schwul ist. Reagiert haben sie im Moment mit viel Coolness; "das hämmer scho gwüsst".